prolog - frühjahr 2013 - vom tragen


willkommen zurück im frühjahr 2013! fünf tage zu spät eröffne ich die neue saison mit einer impression, die mich und euch, verehrte leserschaft durch diese saison tragen soll.
'As a mountain carrying you in the wind' - entnommen aus dem wundervollen song 'Feel See' aus dem album 'Flowers' des isländischen folktronicers 'Sin Fang'.
'As a mountain carrying you in the wind' heißt nicht mehr und nicht weniger: "Alsob dich ein Berg durch den Wind trägt." in den vergangenen wochen habe ich, wie der eine oder andere von euch schon mitbekommen haben mag, für die neue saison ein sich transformierendes banner entwickelt. da sich der frühling dem winter leider auch noch in nächster zeit unterordnen muss, wird sich auch das IN TUNE banner zeit lassen, sich aber langsam aber sicher tag für tag verändern, sodass man eines tages das frühjahr und den nahenden sommer willkommen heißen kann.
"Alsob dich ein Berg durch den Wind trägt." - der eine oder andere kennt dieses gefühl, auf einem berg zu stehen, die welt unter sich zu spüren, sicher im boden verwurzelt zu sein. der erste teil dieser saison auf IN TUNE, das frühjahr, steht unter diesem festlichen mantra, dass mir und euch die möglichkeit geben soll, durch den frühling in richtung sommer getragen zu werden. auch wenn die klimatischen bedingungen es vorerst nicht zulassen, dass wir unser begehren, das verlangen, unserer freude am frühling ausdruck verleihen, haben wir dennoch die möglichkeit das innere nach außen zu kehren, indem wir unsere erschöpften vom winter geprägten gemüter zur sonne wenden und versuchen uns bewusst darauf einzulassen, manchmal auch ohne ein ziel, von etwas oder jemandem getragen zu werden, selber zu trägern zu werden und dieses glück zu teilen.
auf ein neues! ich freue mich!

s.

vom herz


mit dem herbst kommt auch der sturm. und mit dem sturm kommt auch der sturm auf unser immunsystem. erkältungen durch einen kleinen luftzug, gerüchte von grippeviren und magen-darm-infekten. und inmitten dem sind wir, die nach dem sommeraus eigentlich nichts von alldem erfahren wollen und unseren kopf lieber mit positiven seiten des herbstes beglücken wollen. die saisonalen bedingungen und die industrie die vor allem psychologisch genau weiß, wie sie ihre verkaufsstrategie am verbraucher einsetzt, zwingen unsereinen dazu sich mit den klassischen krankheiten und plagen des herbstes und der herannahenden kälte auseinanderzusetzen. kaum hat jemand in unserem umfeld eine erkältung, oder erwähnt, dass sich derzeit ein virus im umlauf befindet, läuten unsere alarmglocken.
sollen wir die ausgestellten und beworbenen vitaminkapseln, hustensäfte und immunschützer zu kenntnis nehmen? und wie soll man seine angst in diesen kranken zeiten zu beherrschen lernen?
unser körper ist eine hoch komplexe maschine, die wir sehr oft unterschätzen, manchmal aber auch überschätzen. besonders wenn es dann doch einmal irgendwo zwickt, juckt oder sich ein weißer belag auf der zunge zeigt, durchforstet man das internet und stößt in gesundheitsforen und auf medizinischen beratungsseiten auf viele wegweiser und symptome. und auch in zeiten, wie diesen, in denen der eine oder andere den weg zum arzt meidet, ist unser verstand und unsere kombinatorik am ehesten gefragt, wenn sich der körper meldet. kaum hört man, dass ein bekannter ein herzleiden mit bestimmten symptomen hat, hinterfragt man seinen eigenen lebensstil und vor allem sein eigenes immunsystem. die angst wird geschürt. sollte man raucher sein wird man ständig in seinem leben auf lungenkrebs und die fatalen folgen hingewiesen. da wird ein leichtes stechen in der brust überbewertet und just folgt der angstzustand um das irdische ableben. wie schnell wir uns aus unserem alltag herausreißen lassen und uns nur noch in einer panischen angst um unser fortleben bewegen. ist das übertrieben, oder eher ein weckruf, vorbereitet zu sein auf die krankheit?
man könnte meinen, die angst vor der krankheit ist bereits die krankheit. je krankhafter wir auf unsere eigene sterblichkeit und zerbrechlichkeit hingewiesen werden, umso mehr leidet unser herz.
das herz, unsere fortwährende blüte, die sich unter den strapazen des sturms der krankheit ständig biegen und beugen muss. egal, welchen ängsten, welchen krankheiten, welchem schmerz wir ausgesetzt werden. unser herz leidet am meisten. und die verletzungen heilen oft sehr langsam. nicht umsonst werden wir aufgefordert, in manchen momenten auf unser herz zu hören. doch nicht nur auf unseres, auch auf das der anderen. eine krankheit mag kommen und gehen wie sie will. schlimmer ist jedoch die angst davor und vor dem, was mit unserem herzen passiert. stechen wir einander ins herz - wie kann man die blutung stillen? wird einem das herz gebrochen - wie füge ich es erneut zusammen?
unsere angst vor dem vorgang des reparierens und kurierens und dem möglichen scheitern ist letztendlich die krankheit, die unsere psyche verkrüppelt.
natürlich streikt das herz manchmal gegen den verstand und die symptomatik. in diesem moment ist es an der zeit sich die wahrheit von jemand anderem sagen zu lassen. jemandem, dessen herz nicht blutet. manchmal verweigert uns das die eigene psyche. und will man letztendlich eine krankheit bekämpfen, oder lieber die gesundheit fördern?

vom großen bären


der indianische stamm der irokesen erzählt untereinander jedes jahr in den späten sommertagen die legende von der jagd auf den großen bären:
jahr für jahr verfolgen zwei jäger den großen bären, dessen magische kraft ihn hoch in den himmel trägt. doch die unermüdlichen jäger und ihr hund folgen ihm auch dorthin und erlegen ihn nach langer jagd. das blut des bären tropft auf die erde und färbt die blätter der bäume rot. das ist die legende des 'indian summer'.
der indian summer entfaltet seine früchte in der blüte des spätherbstes, deshalb ist er so paradox, so ungewöhnlich - ein besonderer sommer in einem besonderen herbst. auffällig am indian summer ist neben der warmen witterung, der sinnlichen trockenheit vor allem die intensive blattvervärbung, die sich die irokesen einst durch die legende von der jagd auf den großen bären erklären konnten.
heute erklären wir uns viele dinge nicht mehr anhand von gleichnissen oder metaphern. wir sind bemüht unseren verstand einzusetzen und uns rätsel und mysterien, auch seltsame, unverständlich handelnde, aber anziehende menschen, für uns mithilfe des verstands erklärbar zu machen.
diejenigen, die in den tagen des hochsommers den weg ins freibad oder an den strand gefunden haben, werden sich sicher beim betrachten der ein- oder anderen badegäste gefragt haben, wenn sich so jemand mit haut haar, beinahe nackt der öffentlichkeit preisgibt, welche geheimnisse hat dieser mensch noch vor mir?
uns überkommt die neugier, herauszufinden, was sich hinter den bikinis, den badehosen, den oberen, unteren hautschichten, den muskeln und nerven im herz verbirgt. doch das können wir uns nur vorstellen, mit etwas glück sogar erahnen. aber wer den träumereien, den sehnsüchten, den wünschen keine reale form verleiht, geht im herbst an diesen zugrunde. was der indian summer mit unseren tollkühnen erlebnissen des sommers macht? er trägt sie in den herbst und verwandelt sie. er enthüllt deren wahre natur und bestimmung. und ebendies müssen wir mit unseren wünschen, mit den frischen begegnungen des sommers und unseren neuen idealen machen. wir müssen sie weitertragen in den herbst hinein und dort müssen wir sie enthüllen und ihre wahre natur entdecken, belassen wir sie im sommer werden sie zu einer losgelassenen erinnerung einer süßen träumerei, die uns in der hitze den kopf vernebelte.
der indian summer verhilft uns diese genüsse zu transformieren und zu illuminieren, aber auch geheimnisse aufzudecken, unsere neugier zu schüren, die wahre blattfarbe unseres gegenübers zu erkennen. sicher, neben der schönheit birgt der indian summer auch die trockenheit und den sturm. doch selbst wenn ihr euch irgendwann in einem garten ohne blätter aufhaltet, wer sagt, dass nicht auch er schön sein kann?
seid jäger und geht auf die jagd nach eurem großen bären! es ist jagdsaison! es ist indian summer!

s.

vom puzzle


nach dem österlichen hoch, das unsereinen heutzutage nur teils in himmlische höhen versetzt, sei es weil uns der osterhase oder die süßigkeitenhersteller auf dem grund und boden der tatsachen halten, oder weil es uns einfach egal ist, hält die freude der auferstehung für einige zeit an. doch spätestens nach der nächsten kältephase wird unser gemüt wieder durch dunkle schatten belästigt. natürlich ist der frühling keine geregelte jahreszeit. ein stundenplan der temperaturen, mit so etwas brauchen wir nicht zu rechnen, genauso wenig wie wir abschätzen können, wann uns die nächsten kopfschmerzen widerfahren, oder wann wir das nächste mal auf der treppe über eine stufe stolpern und auf die nase fallen. wir wissen nicht was uns als nächstes widerfährt, abgesehen davon, was wir einplanen, was in unseren terminkalendern seit tagen, wochen oder sogar monaten steht. uns ergeht es nicht wie tim und struppi in ihren abenteuern, in denen eine verfolgungsjagd zu einer durchchoreografierten performance wird. ein puzzleteil fügt sich passend an ein neues. haben wir verlernt die puzzlestücke unseres lebens passend aneinanderzureihen? passen die puzzlestücke überhaupt noch aneinander? und wenn bei einem puzzle am ende ein bild entsteht, welches bild wird es bei uns sein? picasso, monet, oder ein vanitas-stillleben?
manchmal erscheint uns unser alltag als schieres abarbeiten von terminen. die arbeit überzieht den feierabend mit einem negativen beigeschmack des gedankens: "es ist noch nicht alles erledigt". und ganz schnell wird das entspannte abendessen, der fernseh- oder kinoabend zu einer notiz auf unserer to-do-liste.
dies ist exakt der prozess, in dem sich die form unserer puzzleteile verändert, sodass sie nicht mehr aneinanderpassen. unbewusst passiert etwas furchtbares, indem wir uns und unserer taten an eine gusseiserne kette legen. wir sind versessen darauf, dass unsere puzzleteile genau aneinanderpassen, sodass wir das "dazwischen" schier übersehen, die anderen puzzleteile, die wir kurz durch unsere hände gleiten lassen. das "dazwischen" ist gerade das lebenswerte ungeplante, dass unserer to-do-liste die nötige flexibilität verleiht, die unserem hart getimtem alltagsplan oft abhandenkommt. gönnen wir uns den augenblick, schließen wir eine tür und öffnen kurz ein neues fenster und lassen uns platz für die improvisation über ein festes thema, damit wir den wert unserer geplanten dinge umso mehr schätzen können und unserer lebenschoreografie ein paar erfrischende tanzschritte hinzufügen.

s.

von der kreuzigung


die karwoche neigt sich ihrem höhepunkt zu: dem osterfest. zu hauf strömen menschen in die kirche, wollen das große leid von jesus christus teilen, die passion aufs neue miterleben, selber erfahren, was das geheimnis hinter diesem akt der selbstkasteiung ist.
vielen ist der karfreitag neben seinem feiertagsstatus auch als spielverderber-tag bekannt. trauer und andacht dringen unter alle menschen, ob man will oder nicht: jeder tanzwütige discobesucher und fleißiger einkäufer steht vor verschlossener tür. "man soll es doch nicht gleich übertreiben mit der kreuzigung. ich lass mir doch keinen glauben einfach so aufzwingen!", hört man des öfteren.
karfreitag, ein stiller tag. bevor man jedoch am ostersonntag aufersteht, sich an den feierlichkeiten und des lebens neu erfreuen kann, stehen die bedächtigen kartage bevor. was hat das ganze mit uns zu tun?
durch die medien erlangen wir eindrücke von gläubigen christen, die sich intensiv an der liturgie und dem leiden von jesus christus beteiligen. man nimmt es hin, man ignoriert es, findet es verwunderlich, idiotisch, komisch, aber auch interessant, bewegend, aufrüttelnd.
ein kreuz, und besonders die kreuzigung, ist natürlich zunächst sinnbild für das leiden und die passion von jesus christus, der für das leid der menschheit sein leben gab um mit seinem blut die sünde der welt wegzuwaschen. allerdings vergisst man oft, dass zu seiner zeit viele menschen ein kreuz auf einen hohen berg schleppen mussten, auf dem sie unter qualen lange, lange zeit an ihrem eigen getragenen kreuz hingen, bevor sie in den tod gingen. auch heute begegnen uns diese kreuze, die uns unbewusst gerade in diesen tagen, an denen wir sehen, wie viele menschen den tod und die auferstehung eines menschen feiern, an unser eigenes verdrängtes kreuz erinnern. ein mensch, dessen werk für viele menschen fehlinterpretiert wird.
die kreuzigung ist ein akt, der uns in unserer heutigen zeit als projektion für unser eigenes kreuz, das wir ständig mit uns herumtragen, dient. deshalb ist es für uns oft so unangenehm diesem pseudo-kollektiven leiden beizuwohnen. die passion ist eine erfahrung, zu der jeder eingeladen ist, der sich bewusst auf seinen kreuzweg begeben möchte, der sich das gewicht seines kreuzes bewusst werden möchte, der drei mal unter dem gewicht des kreuzes fallen und aufgerichtet werden möchte. in diesem akt tun wir etwas nur für uns, und dennoch obwohl jeder von uns seine eigene kreuzigung erlebt, hängen wir schließlich an unserem kreuz, mit nägeln in den händen, nackt, ausgestreckt, fast leblos für die anderen. ein egoistisches erlebnis, dessen ergebnis doch für jemand anderen bestimmt ist.
das ist das geheimnis der kreuzigung, deren wirkung nach außen stets größer, liebevoller und intensiver ist, als die innere. hat man sich erst an das eigene schwere kreuz genagelt, ist der erlesene schmerz das elixier des neuen altruistischeren lebens, das uns zwar nicht gleich am dritten tage erwartet, sicher aber in naher zukunft in der gestalt bedingungsloser liebe.

s.

von der verdrehten welt


mc flurry ist das verrückte eis von mc donalds. auf dem becher steht, dass jeder bei diesem durchgedrehten eis dahinschmilzt. ist dem so?
früher schmolzen wir bei höflichkeit, sitte und anstand dahin. heute werden wir weich bei ausgefallenen ideen, queerem lebensverständnis und frischem offenen sinn für das verdrehte, das auf dem kopf stehende.
so unterschiedlich sich manche kulturen in ihren sitten verhalten, so anders ist auch unser verständnis vom erwachen des frühlings in dieser zeit. der frühling traf unsereinen in den letzten tagen mit dem hammer auf den kopf. eine fließende überleitung, ein sanftes beben, so etwas kam diesmal nicht vor. von einem tag auf den anderen war es dann soweit. das kam ohne vorwarnung. die überraschung war uns allen ins gesicht und auf unseren körper geschrieben. der eine oder andere verspürte das bedürfnis, seinen wintermantel mit seinem lieblings sommer-shirt zu kombinieren, andere liefen in kurzem hosen herum und auch die sonnenbrille war häufig anzutreffen. verdrehte welt.
beim frühlingswetter schmelzen wir dahin, in der verrücktheit unserer verdrehten erscheinung. das ist das wunderbare an den ersten warmen tagen: das chaos und die dadurch resultierende neuordnung. alle karten werden neu gemischt. neues spiel, neues glück. der einsatz? der sommer, dem wir bereits tief in uns im frühling entgegenjubeln.
dahingehend lasst uns hineinschmeißen ins durcheinander, in den topf, der alles bunt zusammenwürfelt. manchmal entsteht dadurch ein mc flurry, machmal aber auch ein wundervoller flirt, eine muse, ein süßes aufatmen.

s.