von geistern und glauben

charles dickens schrieb einst seine berühmte "weihnachtsgeschichte". zu seiner zeit hatte das buch zwar viel erfolg, doch wurde sein exemplar als raubdruck angesehen, und dickens zog gegen den verantwortlichen vor gericht. allerdings kostete ihn der prozess so viel, wie er mit dem buch eingenommen hatte. es scheint so, alsob sich die geister aus seiner geschichte auch über sein handeln gelegt hatten. ich blätterte letztens in einer wunderbar illustrierten ausgabe der "weihnachtsgeschichte" und fragte mich, ob sich der herr scrooge wohl auch ohne marleys geist geändert hätte. was wäre, wenn ihn die geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen weihnacht nicht heimgesucht hätten? wäre herr scrooge dann, wie vom letzten geist beschrieben, als einsamer geizkragen gestorben? brauchen wir geister um uns zu verändern? und wenn ja, woher wissen wir dann, ob uns die geister nicht in eine falsche richtung verändern? wissen sie am ende besser, was wir brauchen und was nicht?
oft sieht man sie in der uns wohl bekanntesten form, dem traum. denn diese uns am besten vertraute und persönlichste ebene, bietet uns gelegenheit aktiv mit unseren sehnsüchten und wünschen, mit unseren ängsten und seelischen schmerzen in kontakt zu treten. eine andere frage ist, wenn wir nun das im traum gesehene in uns aufgenommen haben und nach dem aufwachen womöglich unheimlich erregt oder verstört sind, ob wir dem ganzen eine gewisse form von beachtung zusprechen, oder den bildern sogar glauben.
was glauben wir? glauben wir nur das, was wir sehen, oder gerade das, was wir nicht sehen? oder sind die traumgeister eher eine art denkzettel im sinne von "gib acht!" oder "das ist es!"? und wenn wir ihnen glauben, ihnen nachgeben und sie unsere entscheidungen beeinflussen lassen, werden wir eines besseren belehrt, wie herr scrooge? was passiert wenn wir den geistern keine bedeutung zusprechen? werden wir irgendwann von ihnen verlacht und bestraft: "schau, dort könntest du jetzt sein, aber du hast dich anders entschieden!"? einigen geistern können wir glauben schenken. diese gewisse art, der geister der vergangenheit, begleitet uns unser ganzes leben lang. die geister der vergangenheit spuken immer in unseren köpfen. gerne tauchen sie in fotoalben oder vernachlässigten alten briefen auf. den geistern der gegenwart schenken wir nur ungern glauben. kontoauszüge sind hierfür wohl ein treffendes beispiel, oder ein tragischer unfall bei "wetten dass...?". die geister der zukunft sind wohl die am interessantesten. einigen erscheinen sie in form von träumen, die ich bereits erwähnte. was machen wir mit ihnen? flüchten wir vor ihnen oder stellen wir uns den geistern der zukunft? ich denke man sollte versuchen, die geister der zukunft als das anzusehen was sie sind, als möglichkeiten. man muss sie anerkennen und sie durch sein eigenes handeln, erlösen und befreien.
herr scrooge, der von seinem geist der zukünftigen weihnacht mehr als schockiert war, wollte nicht recht glauben, das die leiche unter dem bettlaken, er selbst war. jedoch glaubte er, spätestens nach dem furchteinflößenden auftritt von marleys geist, an die daseinsberechtigung der geister.
vielleicht sollten wir unsere geister etwas besser kennenlernen und herausfinden, woran eigentlich wir glauben, denn wenn man glaubt, hat man alles was man braucht.

s.

von herrn tumnus und dem adventskrieg

den moment des ersten schneefalls im jahr, war für mich immer ein ganz besonderer. selten hab ich ihn von der ersten minute an miterlebt. meist wachte ich, wie gewöhnlich, morgens auf, schritt benommen durch mein zimmer und wollte den üblichen abläufen des tages folge leisten, bis mein blick auf das fenster fiel und ich die gepuderte, weiße landschaft vor mir sah.
dieses jahr ebenso. doch wurde ich mir diesmal einem innerlichen schwung bewusst, der zwei pole beinhaltete: anerkennung und zurückweisung der winterlichen saison. ich ging auf den balkon. die kälte und der eisige hauch des erfrierens drang unmittelbar in jede meiner poren ein. ich versuchte mir eine kleine stehfläche im schnee mit meinen pantoffeln freizuschaufeln, während sich in meiner nase die altbekannten sekrete ansammelten und auf den boden tropften. ich zündete mir eine zigarette an und schaute um mich. langsam legte sich die dunkelheit. einige fenster waren hell erleuchtet. die erste weihnachtsdekoration glitzerte mir freundlich entgegen. ein paar menschen versuchten kläglich ihre autos von eis und schnee zu befreien und beim nachbar wehte im garten eine ARAL-fahne. diese fahne brachte mich aus meiner kurzzeitigen verzückung wieder in meinen ist-zustand zurück. kalte füße, vereiste hände und ein zigarettenstummel zwischen den fingerspitzen. ich hatte nicht gemerkt, wie leicht sich mein kaltes wesen, allein durch das betrachten dieser magischen landschaft, die mir doch eigentlich bekannt war, erwärmt hatte. anerkennung oder zurückweisung?
bei dem gedanken an den mir vertrauten weihnachtsmarkt, schreite es förmlich in mir nach zurückweisung der neuen saison. doch wie wurde ich überrascht , als ich anstatt einem überfüllten ramschbudensud einen minimalen, liebevoll arrangierten weihnachtsmarkt vorfand. keine lästige schlagermusik, keine buden voller krempel. stattdessen tönten irgendwo auf einem anderen markt, eine kleine gruppe blechbläser "adeste fideles", und im drogeriemarkt saß kein anderer hinter der kasse, als der oberbürgermeister. was war nur geschehen? woher dieser andere umgang mit dem saisonalen umschwung? wo war die panik, die schnelllebigkeit, die hast, alles in sack und tüten zu packen und abzuhaken, um der drohenden eisigen jahreszeit zu entfliehen. was war mit der zurückweisung geschehen?
als kind bin ich in der kalten jahreszeit durch den park gelaufen und hab kläglich nach einer leuchtenden laterne gesucht und gehofft, irgendwo zwischen den verschneiten bäumen den faun, herr tumnus aus narnia, zu entdecken. dieses bild begleitete mich durch jeden winter, ebenso der wunsch, die menschen mögen doch auch den winter mit jener faszination und außergewöhnlich magisch angehauchtem blick sehen. war das nun geschehen, oder bildete ich mir das nur ein? war es eine art schutzmechanismus von mir? oder war es tatsächlich so, das manch einer doch in der lage war, durch verdrehung der realität den winter und seine schrecken anzuerkennen? anerkennung durch verdrehung.
doch wie steht es mit der zurückweisung? im zug nach düsseldorf hörte ich ein kurzes telefonat eines passagiers mit. das erste adventswochende stand bevor und zum abschluss wünscht er seinem gesprächspartner am anderen ende der leitung, ein schönes wochenende. wo war der traditionelle "einen schönen 1. advent!" - gruß abgeblieben? auch an der kiosk-kasse wünscht keiner der vor mir anstehenden kunden, der verkäuferin einen schönen 1. advent. als ich nun jener verkäuferin zum abschied einen schönen 1. advent wünschte, huschte ein kurzes lächeln über ihr gesicht und sie antwortete bedächtig: "danke, ihnen auch."
herrscht etwa ein kalter krieg zwischen den rekruten der anerkennung und den gefolgsleuten der zurückweisung? oder ist es einfach nur ein geheimer code unter geistlich geprägten, dieses "schönen 1. advent!"?
ich denke dieser gruß ist ein wink. ein kleiner faden in unserem globalen kommunikationsnetzwerk zwischen anerkennung und zurückweisung dieser jahreszeit. ein wink im sinne von "verdreh dich! versuch diese saison anzuerkennen!", oder "versuch dich auf sie einzulassen!".
die adventszeit bietet uns die möglichkeit, aktiv unsere realität zu verdrehen um uns gegenseitig und den winter anzuerkennen. wen kümmert es, ob man konfessionel gebunden ist. tatsache ist: ein verdrehtes auge stellt die wirklichkeit auf den kopf. das tut der winter auch. farbe wird mit weiß übermalt. heiß wird zu kalt. wir können nun die versteckte farbe unter dem weiß neu entdecken und das, was sich unter dem verdrehten verbirgt- das heiße, warme- intensiver, lustvoller spüren; ähnlich meiner zigarette auf dem balkon, die wundervoll schmeckte.

s.

von bleiben und gehen

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druck. den kennt jeder. besonders aus den letzten tagen, denn diese waren in der tat drückend vor wärme und sonnenstrahl. ein famoses ideal, dieser sommer.
dennoch fragt man sich: ist es gut so? soll sich nicht doch etwas ändern? ist es zuviel des guten?
manchmal scheint uns das "gute" zu viel. manchmal glänzt der goldene käfig nicht mehr so hell und klar, wie sonst. es ist bemerkenswert, wie sich der druck von sonne und ideal auf uns herniederlässt und eine weitere facette unseres wesens zum vorschein bringt. wie ist es beispielsweise mit entscheidungen, oder aufgaben? unter druck fällen wir beschlüsse, die wir ohne druck anders gefällt hätten. oder etwa doch nicht?
wenn man sich in keinen schatten mehr stellen kann, und sich höchstens noch in den schatten seines schattens zu stellen vermag, ist man auf sich gestellt. bleibt oder geht man?
das findet man heraus, wenn man über seinen eigenen schatten springt, oder einen kühlen kopf bewahrt.
sonnendruck scheint vorerst gefährlich, doch erscheint letztendlich als katalysator seines gemüts.

s.

von befinden und verkörperung

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bienenschwärme oder südafrikanische fußballtrompeten? der klang impliziert eins. es ist bewegung. die erde bebt. die vibration steigt durch alle zehen bis in den kopf oder vom kopf hinab in den kleinsten zeh. fahnen werden geschwungen. arme greifen aus überhitzten autos in die höhe. man grüßt einander und fühlt sich durch ein spiel einen sommer lang miteinander verbunden.
nur einen sommer lang.
künstliche impulse verleihen unserem geist körperlichen ausdruck und manipulieren unsere wechselbeziehungen und unser befinden. doch warum müssen sie künstlich sein? warum fällt es uns schwer diese impulse über den sommer hinaus wahrzunehmen? haben wir vergessen aus welchen teilen unser äußeres befinden besteht? unser äußeres empfinden kann der balsam für unser inneres befinden sein. was erlebt man nicht, wenn man sich und seinen körper in bestimmten räumen, klimastadien und wechselbeziehungen wahrnimmt.
die organischen vibrationen und energien, kurz: unser erleben, das hierbei entsteht, ist den aus künstlichen impulsen hervorgegangenen vibrationen und energien überlegen.
die natur ist die konstruktivste schöpferin. sie leitet unseren verkörperungsprozess ein. sie schafft es aus uns das subtilste und feinste erhebende erleben herauszukitzeln. also: fort mit künstlichem getue! hinaus mit euch ins feld, ins wasser, in den wald! streift all eure kleidung vom leib und erlebt euch!

s.

von komik und gewalt

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ist es nur ein schritt vom lachhaften zum ernsten?
ja.
ich saß am tisch und aß suppe. eine gemüsebrühe. in ihr schwamm, einer kompassnadel ähnlich, eine karotte. es war eine sehr komische situation. gleichwohl sah ich mein leben in dieser karotte, welches in einem sog von brühe mithilfe eines großen löffels in einen anonymen schlund untergeht. müssen wir untergehen um aufzustehen, oder drehen wir den spieß um und üben selber die gewalt aus um uns zu verteidigen und aufrecht zu bleiben?
je mehr ich von der karotte aß, umso mehr stieg mein drang gewalt auszuüben. liegt nicht in jedem menschen eine gewisse art von masochismus? müssen wir uns gewisse schmerzen selber zufügen, selbst wenn unsere seele sie nur durch kleine stiche spürt?
die suppe war aufgegessen und ich war verzweifelt. doch das leichte in der verzweiflung, war die komik des moments.
oft ist es die komik die aus gewalt eine satire macht. vorteil oder nachteil?
entscheidet selbst!
ich kann nur soviel sagen:
ein sommer beinhaltet sowohl gewalt, welche man auf den verschiedensten wegen zu spüren bekommt, sei sie auch noch so klein; alsauch die komik, die die gewalt leicht werden lässt.
komik und gewalt verwandeln einen tragischen, todesnahen abend in einen lustvollen und lebensbejahenden sommertag. auch wenn der regen stetig anklopft.

s.

das leichte und das schwere

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"die liebe beginnt in dem moment, da sich etwas herausragendes in unser poetisches gedächtnis einprägt." schreibt milan kundera in "die unerträgliche leichtigkeit des seins".
so gesehen ist es durchaus möglich, dass wir uns tagtäglich in etwas neues verlieben. heute morgen beispielsweise. einem schwerer schlaf folgte ein schweres wohlbefinden. schwierig ist es die geister der schweren träume zu verscheuchen, es sei denn, unser poetisches gedächtnis streckt augenblicklich ab dem ersten moment des erwachens, seine fühler aus. das schwere wird transformiert. so hüllte ich meinen körper, von schweren träumen gepeinigt, in den weichen bademantel, ertränkte die schwere stimme mit kaffee und orangensaft und erfüllte den schweren kopf mit meiner lieblings-kolumne von harald martenstein. das leichte tritt augenblicklich ein, indem wir unserem poetischen gedächtnis erlauben, unsere wahrnehmung zu beeinflussen. nach zweistündigem frühstücken und der leichten zigarette auf dem balkon, legte ich mich erneut in die kissen, die mich in den schweren schlaf geleitet hatten, und realisierte, dass das schwere des bettes bereits verwandelt worden war. und ich liebte. in diesem sinne wird der bevorstehende sommer und somit meine impressionen, die ich in dieser virtuellen kolumne niederschreiben werde, mal leichter, mal schwerer sein. doch das ist alles eine frage meines poetischen gedächtnisses.
einen liebreizenden muttertag wünsche ich euch.

s.