von herrn tumnus und dem adventskrieg

den moment des ersten schneefalls im jahr, war für mich immer ein ganz besonderer. selten hab ich ihn von der ersten minute an miterlebt. meist wachte ich, wie gewöhnlich, morgens auf, schritt benommen durch mein zimmer und wollte den üblichen abläufen des tages folge leisten, bis mein blick auf das fenster fiel und ich die gepuderte, weiße landschaft vor mir sah.
dieses jahr ebenso. doch wurde ich mir diesmal einem innerlichen schwung bewusst, der zwei pole beinhaltete: anerkennung und zurückweisung der winterlichen saison. ich ging auf den balkon. die kälte und der eisige hauch des erfrierens drang unmittelbar in jede meiner poren ein. ich versuchte mir eine kleine stehfläche im schnee mit meinen pantoffeln freizuschaufeln, während sich in meiner nase die altbekannten sekrete ansammelten und auf den boden tropften. ich zündete mir eine zigarette an und schaute um mich. langsam legte sich die dunkelheit. einige fenster waren hell erleuchtet. die erste weihnachtsdekoration glitzerte mir freundlich entgegen. ein paar menschen versuchten kläglich ihre autos von eis und schnee zu befreien und beim nachbar wehte im garten eine ARAL-fahne. diese fahne brachte mich aus meiner kurzzeitigen verzückung wieder in meinen ist-zustand zurück. kalte füße, vereiste hände und ein zigarettenstummel zwischen den fingerspitzen. ich hatte nicht gemerkt, wie leicht sich mein kaltes wesen, allein durch das betrachten dieser magischen landschaft, die mir doch eigentlich bekannt war, erwärmt hatte. anerkennung oder zurückweisung?
bei dem gedanken an den mir vertrauten weihnachtsmarkt, schreite es förmlich in mir nach zurückweisung der neuen saison. doch wie wurde ich überrascht , als ich anstatt einem überfüllten ramschbudensud einen minimalen, liebevoll arrangierten weihnachtsmarkt vorfand. keine lästige schlagermusik, keine buden voller krempel. stattdessen tönten irgendwo auf einem anderen markt, eine kleine gruppe blechbläser "adeste fideles", und im drogeriemarkt saß kein anderer hinter der kasse, als der oberbürgermeister. was war nur geschehen? woher dieser andere umgang mit dem saisonalen umschwung? wo war die panik, die schnelllebigkeit, die hast, alles in sack und tüten zu packen und abzuhaken, um der drohenden eisigen jahreszeit zu entfliehen. was war mit der zurückweisung geschehen?
als kind bin ich in der kalten jahreszeit durch den park gelaufen und hab kläglich nach einer leuchtenden laterne gesucht und gehofft, irgendwo zwischen den verschneiten bäumen den faun, herr tumnus aus narnia, zu entdecken. dieses bild begleitete mich durch jeden winter, ebenso der wunsch, die menschen mögen doch auch den winter mit jener faszination und außergewöhnlich magisch angehauchtem blick sehen. war das nun geschehen, oder bildete ich mir das nur ein? war es eine art schutzmechanismus von mir? oder war es tatsächlich so, das manch einer doch in der lage war, durch verdrehung der realität den winter und seine schrecken anzuerkennen? anerkennung durch verdrehung.
doch wie steht es mit der zurückweisung? im zug nach düsseldorf hörte ich ein kurzes telefonat eines passagiers mit. das erste adventswochende stand bevor und zum abschluss wünscht er seinem gesprächspartner am anderen ende der leitung, ein schönes wochenende. wo war der traditionelle "einen schönen 1. advent!" - gruß abgeblieben? auch an der kiosk-kasse wünscht keiner der vor mir anstehenden kunden, der verkäuferin einen schönen 1. advent. als ich nun jener verkäuferin zum abschied einen schönen 1. advent wünschte, huschte ein kurzes lächeln über ihr gesicht und sie antwortete bedächtig: "danke, ihnen auch."
herrscht etwa ein kalter krieg zwischen den rekruten der anerkennung und den gefolgsleuten der zurückweisung? oder ist es einfach nur ein geheimer code unter geistlich geprägten, dieses "schönen 1. advent!"?
ich denke dieser gruß ist ein wink. ein kleiner faden in unserem globalen kommunikationsnetzwerk zwischen anerkennung und zurückweisung dieser jahreszeit. ein wink im sinne von "verdreh dich! versuch diese saison anzuerkennen!", oder "versuch dich auf sie einzulassen!".
die adventszeit bietet uns die möglichkeit, aktiv unsere realität zu verdrehen um uns gegenseitig und den winter anzuerkennen. wen kümmert es, ob man konfessionel gebunden ist. tatsache ist: ein verdrehtes auge stellt die wirklichkeit auf den kopf. das tut der winter auch. farbe wird mit weiß übermalt. heiß wird zu kalt. wir können nun die versteckte farbe unter dem weiß neu entdecken und das, was sich unter dem verdrehten verbirgt- das heiße, warme- intensiver, lustvoller spüren; ähnlich meiner zigarette auf dem balkon, die wundervoll schmeckte.

s.