von der zwischenwelt


die uhr tickt.
das jahr geht zu ende. ein altes jahr. die adventszeit ging fließend über in die weihnachtszeit, die feiertage vergingen im nu und jetzt befinden wir uns in einer planlosen phase des nicht wissens und nicht wollens. was soll man auch machen zwischen den feiertagen und silvester, sowie in der unangenehmen zeit danach?
der winter, so kann man es sagen, hat uns ja doch ziemlich im stich gelassen im dezember. ohne schnee, so denkt man, macht der spaziergang nur halb so viel spaß. ist dem so? wer sagt, dass sich die natur in der zeit zwischen den jahren, nicht auch anders verhält?
lasst euch nicht davon abhalten. genießt man eben die spaziergänge bei wind und wetter, mit kind und kegel. die zwischenwelt hat den großen vorteil, das die zeit nicht wirklich eine rolle spielt. wen kümmert es schon, das man einen ganzen tag mit nichtigkeiten verbringt? auf den ersten blick erscheint die zwischenwelt als furchtbarer trostloser ort. man schwelgt in erinnerungen, ist traurig über das vergangene, man hört vereinzelt böller, wie minen explodieren und alles verschwimmt zu einer grotesken kriegsschauplatz-kulisse. was ist das nur für ein absurder gemütszustand, in den wir uns während des jahreswechsels hineinbegeben?
sicherlich, abschied nehmen ist immer mit einem gewissen frust verbunden. doch oft vergessen wir das geschenk, welches der abschied mit sich bringt: das ankommen.
wenn wir also von unserem nächsten spaziergang nach hause kommen, die miene eingefroren vom wind, die schuhe voller schlamm, dann nehmt euch eure festtagserinnerungen zur hand, lasst sie durch eure hände, durch euren kopf gleiten, und werdet euch bewusst, dass diese erinnerungen nicht dafür da sind um mit euch in der vergangenheit zu verweilen. diese erinnerungen eure ersten waffen, euer schild im neuen jahr.
im laufe des nächsten jahres werdet ihr zu diesen waffen aus der zwischenwelt so einige hinzufügen. sie werden euer bewusstsein stärken, in den kleinen kriegen, die ihr im nächsten jahr führen müsst, an den unangenehmsten orten.
da fällt einem der abschied noch leichter.
man liest sich im nächsten jahr.
pour féliciter!

s.

vom füllhorn


"Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt."
Jesaja 9,1-2
guten abend und willkommen zurück im winter. nachdem ich euch mit dem auftrag zurückgelassen hab, ein refugium zu bauen, hoffe ich doch jetzt, dass ihr guten mutes gestärkt und gespannt seit, wie es nun weitergeht in der dunklen jahreszeit.
wie ihr bereits gelesen habt, beginne ich die diesjährige wintersaison mit einem zitat vom lieben propheten jesaja. und unter diesem zitat wird auch die folgende wintersaison auf "in tune" stehen. kaum brach der erste advent an, strahlten die fenster voller lichter, die weihnachtsmärkte konnten sich vor lauter kundschaft nicht mehr retten und auch die luft beinhaltete neben dem niedrigen O2-gehalt eine menge weihnachtslieder, süße düfte und geräusche. 
warum heißen die weihnachtsmärkte eigentlich nicht adventsmärkte? eigentlich dienen sie doch dazu, neben vielen anderen angeboten auch, uns bis zum weihnachtsfest hin zu begleiten. sie sind eine der stationen auf unserem weg zu krippe, zu welcher auch immer. advent heißt ankunft. und auf diese ankunft müssen wir uns vorbereiten. genauso, wie wir mit voller liebe unser weihnachtsgebäck kneten und in kleine förmchen in den backofen schieben, so können auch wir uns vorbereiten, fertig backen, sozusagen. 
advent ist jedes jahr aufs neue ein wundervolles, ein frohlockendes angebot, sich für die ankunft der freude, der glückseligkeit, des glücks - sei es nun für einige durch ein kleines, nacktes kind in der krippe verkörpert, oder nicht - fertig zu machen. wir dürfen zusammen mit allen anderen - unter diesem stern stehen wir alle, wir könige - auf unserem weg zum 24.12., im dunkeln warten. wir dürfen zusammenrücken, uns austauschen, uns gegenseitig vorbereiten. wir können ausatmen, wir dürfen uns losmachen von alten lastern, die mails nicht alle 5 minuten checken, facebook abschalten und ein gespräch im zug mit einer fremden person beginnen und erfahren, dass sie luft- und raumfahrttechnik in aachen studiert. wir dürfen singen, gemeinsam, alte lieder, die jeder kennt. seht ihr aus welchem füllhorn wir schöpfen können? 
ich wünsche uns allen eine balsamische adventszeit. auf das wir unsere seelen reinigen und das gütige angebot annehmen, mit dem wir schon jetzt reicher beschenkt werden als alle milliardäre auf erden.

s.

vom refugium

unverkennbar scheint in letzter zeit das herbstwetter zu sein. niemand kommt ungeschoren davon. die grausamen windigen, nass-kalten arme der übergangsjahreszeit umarmen uns herzlich, und hinterlassen nichts als triefende nasen und schlechte laune.
konzerne werben mit farbenfrohen blätter-banderolen für braune blazer im british look und koffeinhaltige heißgetränke, die neben der unerträglichen süße auch irgendwie nach créme brulée schmecken sollen. vor lauter herbstlich-nasser herzlichkeit folgen wir dem nächstbesten aufsteller der die warme seite des herbstes umwirbt und lassen uns von der aufgesetzten kulisse mit künstlichen aromen, grellen farben und chemischen stoffen mit dem etikett "made in indonesia" in eine angenehme stimmung versetzen.
und dabei verkennen wir die größte und wahrhaftigste möglichkeit des herbstes: unser persönliches, natürliches refugium. was gibt es schöneres, als die gute wolldecke herauszuholen, den wasserkessel zum kochen zu bringen, einen kräftigen tee zu überbrühen und sich ein gutes buch zu schnappen? doch aus dem nichts entsteht kein refugium! wie entsteht ein refugium? was macht ein refugium aus? und wo finden wir die verdammte bauanleitung dazu? sicher nicht im IKEA!
goldene regel beim erschaffen eines refugiums ist: "gemütlichkeit geht über perfektion!" also her mit den kissen, polstern und decken und baut euch euren eigenen schutzwall vor kälte und nässe! wer von der romantik angehaucht wurde, kann durchaus auch ein paar kerzen anzünden und sie in ein buntes windlicht stellen. wichtig beim bauen eines refugiums, ist nicht an das fertige produkt zu denken, sondern das refugium in seinen einzelteilen in der gegenwart zu betrachten und vor allem sich darin zu betrachten. ein refugium ist ein sicherer ort in einer beunruhigenden welt.
merke: dein refugium erbaut kein anderer für dich, du musst es dir selbst erbauen, oder zusammen mit jemandem! alles andere ist so dünn und transparent wie die wände eines puppenhauses! also achte beim erschaffen deines refugiums darauf, das es auch wirklich ganz deinen bedürfnissen entspricht, oder euren.
der herbst ist eine herausforderung für uns alle. ohne eigens errichtete tankstelle voller guter wünsche, bleibt man als verdorbenes fallobst zurück.
ein refugium zu schaffen, heißt aber nicht, den kopf in den sand zu stecken und andere in der kälte stehen zu lassen. ein persönliches refugium eignet sich für zwei genauso gut, wie für einen. rückt doch endlich ein wenig näher zusammen. auch wenn ihr die energie für euch braucht, ist es wichtiger, eine art wechselstrom für eure energie anzulegen. egoismus ist generell kein guter zement für refugien!
ich wünsche euch eine gute zeit, viel freude beim bauen eures refugiums und offene augen und sinne, bis wir uns in der weißen jahreszeit wiederlesen.
ich muss mir schließlich auch noch ein refugium bauen und die suche nach helfenden händen ist lang und schwer!

bis dahin haltet euch gesund!

s.

vom laubfeuer


der herbst zeigte sich uns heute an seinem ersten tag von seiner besten seite. auch einige passanten griffen zum farbigen accesoire und leuchteten wie helle polarsterne inmitten einer dick eingemummelten meute von menschen.
komisch. ich erinnere mich nicht einmal, dass der sommer sich verabschiedet hat. neben heitren spaziergängen zündete der eine oder andere ein laubfeuer aus dem ersten heruntergefallenen laub an und verb(r)annte somit die ersten zeichen der sommerlichen vergänglichkeit. wie so oft schaut man meditativ ins feuer und lässt sich von rauch und flammen in die tiefsten tiefen des leeren kopfes tragen. still hegt man den wunsch, der leere zustand möge nicht aufhören, das feuer solle weiterbrennen und der zufriedene zustand anhalten. ein paradoxes ereignis.
das betrachten von verbrennendem holz oder laub schafft leere, doch wie sieht es mit dem feuer in uns aus? woher sollen wir wissen, was wir als brennmaterial verwenden und was nicht? sind wir überhaupt noch in der lage zu wissen ob das gefühl in uns das feuer, oder eher nur die glühende kohle ist?
bekanntlich ist dort wo rauch ist, auch feuer. nur ist es ein unterschied, ob es frisches, trockenes oder feuchtes holz vom letzten beziehungskrach ist. und ratsam ist es auch, ein feuer auf feuchtem holz nicht zu entfachen. dies führt nur zu weiterem rauch und bringt einem wieder nur tränen in die augen. empfehlenswert ist es auch nicht, das feuer auf höchster flamme brennen zu lassen. zu leicht kann man sich an den eigenen oder den fremden flammen verbrennen. um herauszufinden ob ihr wirklich von einem feuer vorangetrieben werdet, solltet ihr mal darauf achten, ob nicht nur ihr die einzigen seid, die ständig laub oder holz nachlegen, sondern auch der oder die andere ein auge darauf haben. auch ein feuer beruht auf gegenseitigkeit.
solange ihr nicht die motte seid, die an der flamme verbrennt, seid ihr in sicheren händen. seid jedoch vorsichtig im umgang mit anderen feuern! einige hände sind bereits rußig und schwarz...

s.

von der völlerei



von mal zu mal werden die tage immer kürzer und kühler, ein kalter hauch regt sich und plötzlich ist man von einer blätterflut umgeben, die vor einer sekunde noch garnicht da war. in den regalen tauchen die ersten lebkuchen auf, die frauen tragen bereits winterstiefel anstatt der leichten sommersandalette und in den cafés bevorzugt man immer öfter den sitzplatz im gebäude und weicht der terrasse aus.
in einer zeit, in der einem vor lauter möglichkeiten die entscheidungsfreude mehr und mehr schwindet, ist es immer schwieriger das gemüt des menschen zu erheitern. warum? es beschleicht uns doch das gefühl, dass es an nichts mangelt.
während sich der spätsommer in all seiner pracht entfaltet, können wir bereits einige winterfreuden käuflich erwerben. aber können wir es genießen? können wir alles haben?
was unsere zwischenmenschlichen beziehungen angeht, so sieht es ähnlich aus, wie das bunte sortiment im supermarkt. wir bewegen uns in einem sud aus schönen sachen, die wir ungern beiseite legen, oder gar wegschmeißen wollen. wir konzentrieren uns nicht auf eins, sondern auf alles, und dabei werden unsere verhaltensweisen anderen gegenüber sehr plump und einfach und führt dazu, dass wir nicht mehr imstande sind, das geheimnis des genusses eines einzelnen zu erkunden.
wir haben alles und gehen dem effekt der überraschung, des unvorhergesehenen, des risikos aus dem weg. so schwimmen wir in einem meer von menschlichen trophäen und accessoires, die sich als bunte freunde, erholende one-night-stands, feste andenken aus schulzeiten und erfrischende, aber oberflächliche beziehungen herausstellen.
es ist zeit aus dem bunten karussell der möglichkeiten auszusteigen und sich auf das eine, was wir vor kurzem erst lieben gelernt haben, zu entscheiden und damit stehen zu bleiben. der liebliche, funkelnde zimtstern kann warten.
bleibt bei euren leisten, liebe schuster! der spätsommer gärt zwar vor sich hin, das heißt jedoch nicht, dass wir uns der völlerei hingeben, die schlägt nämlich gewaltig auf den magen.

s.

von der sommerromanze

ich weiß nicht, ob es einfach nur eine temporäre modeerscheinung, oder eine erfindung der modeindustrie ist, die sich von sommer zu sommer mal mehr, mal weniger in unsere gepflogenheiten einschleicht.
die rede ist von der klassischen sommerromanze.
es scheint eine ungeschriebene regel zu sein, sobald der sommer seine ersten heißen erscheinungen zeigt, auch unser auge offener für "heiße erscheinungen" ist. es gibt gewisse dinge, die sich erst ab einer bestimmten temperatur genießen lassen. wer trinkt schon gerne eiskaffee im winter?
der reiz an einem leicht bekleideten geschöpf ist für unsereinen ja nichts neues. im sommer allerdings, wo jedes stückchen haut mit sonnencréme eingerieben wird und wie eine speckschwarte glänzt, im besten fall noch ein paar sandkörnchen am körper kleben und das haar strähnig nass herunterhängt, bekommt dieser reiz die krone aufgesetzt. wer kann da noch widerstehen?
allerdings fehlt dieser komponente noch das wörtchen "romanze". wie man bereits annehmen kann beinhaltet dieses kleine wörtchen, begriffe wie romantik, zärtlichkeit und gefühle. der erotische oder sexuelle aspekt spielt eine untergeordnete rolle. wie schnell kann man da eine sommerromanze mit einem sommer-one-night-stand verwechseln.
gerade in einer schnelllebigen gesellschaft, wie der unseren, ist es gang und gebe, den mittelpart zu überspringen und sofort zur sache zu kommen. das mittelstück, der zweite akt, ist der schwierigste, wenn nicht wichtigste part im gesamten sommerdrama. sind wir zu faul, zu feige den zweiten akt durchzustehen, oder haben wir einfach nur denn sinn für romantik verloren? 
egal, wieviele sommerromanzen ihr euch diesen sommer an land angelt, vergesst nicht mit ihnen auch ein stück in die tiefe zu gehen, sonst bleibt ihr nur an der oberfläche, und wer will schon oberflächlich sein?

s.

von der strichliste

jeder kennt sie:  frappucinos, frozen joghurts, smoothies oder einfach nur eine waffel mit einer kugel eis oben drauf.
die kühlen, sommerlichen freuden wiederholen sich jahr für jahr aufs neue. dieses jahr jedoch ist unser sommer nun anders ausgefallen als die vielen sommer davor. ob diese wetterunstimmigkeit nun durch böse chemische flugzeuge oder einen miesepetrigen wetterfrosch entsteht, ist genauso unklar wie das panische verhalten der konsumenten von den oben erwähnten kalten erfrischungen.
kaum schaut die sonne hinter der dunklen wolke hervor, stürzt man sich auf den nächsten eisstand um ja nicht die chance zu verpassen, das sommerklischee schlecht hin zu erfüllen. wer wird nicht gern mit einem transparenten plastikbecher, gefüllt mit einer knallig blauen oder pinken eispampe gesehen?
die folgende szene spielt sich in jeder beliebigen groß- oder kleinstadt, egal ob es new york oder arezzo ist, ab: scheint die sonne, sieht man vor den läden besagte eisstände, aber auch sonnenbrillen, sonnencrémes und dergleichen. kommt nun ein plötzlicher regenguss auf, verschwindet die hübsche sommerkulisse und wie in einem barocken guckkastenbühnensystem, erscheinen aus dem nichts bunte regenschirme und regencapes.
man wird also von vorne bis hinten versorgt. es geht sogar soweit, das man regelrecht bombardiert wird mit sommerlichem essen und unnützem schnickschnack, der, sobald der sommer vorbei, ist in der versenkung verschwindet und dort bleibt, damit man sich ein jahr darauf mit neuem zeug eindecken kann.
hat das noch etwas mit sommer zu tun? nein! es ist ein abarbeiten einer strichliste, die bis zum ende des sommers abgearbeitet sein muss, damit man dann anfangen kann sich mit hokaido-kürbissen, staubigen vogelscheuchen und vertrocknetem laub auszustatten.
keep cool! noch ist nicht aller tage abend! lehnt euch zurück und kopf hoch!
ihr habt nichts zu verlieren, außer den alltag der welt!

s.

von der enge der rituale

angenommen es gäbe keine einrichtungen mehr auf der welt, in der sich menschen treffen könnten, wohin würde der mensch gehen?
man würde sich zu hauf auf dem land, dem feld, der wiese, dem wald,  der straße, der schlucht versammeln und die konversation dort abhalten.
im laufe der zeit haben sich die rituale und bräuche der menschheit stets gewandelt. so wie einst der sonntägliche kirchenbesuch ganz oben auf der liste stand, so versammelt man sich heute in kompletter familienkonstellation bei starbucks oder geht gemeinsam brunchen. damals waren die kirchen maßlos überfüllt. heute gähnen sie fast vor leere. heute muss man sich anstrengen bei starbucks am sonntag irgendwo noch einen sitzplatz zu bekommen, um nicht von einem tobenden kind umgerannt zu werden. die enge von ritualen scheint uns, so unterschiedlich sich rituale entwickeln, erhalten zu bleiben. von generation zu generation, tradition. doch was heißt es, wenn eine tradition, wie beispielsweise omas sonntägliche kochkünste eines tages nicht mehr unseren gaumen erfreut? entstehen einfach so aus dem nichts neue traditionen? kann es überhaupt neue traditionen geben?
letztens war ich auf einer wirklich wundervollen wg-party. von der wohnung hab ich allerdings nicht wirklich viel gesehen, da mich permanent menschen umgaben, die mich letztlich mehr interessierten als die wohnung. mein weg zum buffet, der nur wenige schritte lang war, stellte sich als waghalsiges abenteuer heraus. man kam einander in die quere beim an der wand entlangtasten. körper an körper bewegte man sich vorwärts, wenn auch teilweise in entgegengesetzte richtungen. doch wirklich interessant waren die kleinen begegnungen, die man während seines weges mit den fremden menschen hatte. man nickte einander lächelnd und wissend zu, machte eine kurze bemerkung, bezüglich der engen situation und ging weiter seines weges. manchmal entstand aus dieser enge auch eine etwas längere konversation, was mich nun wieder zu unseren traditionen und ritualen führt.
als aufgeklärte menschen, die den aberglauben unserer vorfahren akzeptiert und überwunden haben, sind wir stets danach bestrebt einen gewissen teil unserer vergangenheit bestehen und den anderen teil ersetzen zu lassen. letztlich möchten wir nur unter beweis stellen, das wir selbst in der lage sind, etwas neues zu erschaffen, eine tradition hervorzubringen, die selbst uns überlebt und weitergegeben wird. nötig ist dieser ganze spaß jedoch nicht. wir sind teil einer sehr alten tradition, die sich im laufe der zeit zwar wandelt, da sie durch uns und durch unsere nachfahren bereichert wird, doch im kern bleibt sie bestehen.
bei starbucks kann man zwar keine eucharistiefeier mit vertrockneten hostien halten, doch bereits caravaggio hat einem säufer das gesicht von jesus gegeben.

s.

vom fremdschlaf

das erwachen beginnt mit den worten "bin" und "jetzt" schreibt christopher isherwood in "a single man".
bin jetzt wach.
besonders im sommer, wo die tage länger und die nächte kürzer sind, kann es durchaus vorkommen, das man den schlaf an einem außergewöhnlichen ort vollzieht. man verzichtet auf das eigene, intime erlebnis im eigenen bett, das uns jede nacht wie ein boot über unseren gedankensee ins reich der träume hinüberführt. der private schlaf dringt nach außen und wird öffentlich.
nun ist es oft der fall, das sich unser boot als etwas fremdes in einer fremden umgebung herausstellt. häufig erliegen wir einfach dem drängen des schlafs in einem fremden boot, welches uns auf einem neuen weg ins traute reich hinüberführt. ich möchte jedoch nicht über den schlaf an sich schreiben. interessanter ist eher das aufwachen in einem fremden bett oder an einem fremden ort.
bin jetzt wach.
den moment des aufwachens in fremder umgebung kann man mit einem seltsamen tauchergefühl vergleichen. man schlägt die augen auf, jedoch versteht man das was man sieht nicht. wir hören erst sehr spät, wenn wir aufwachen.
irritation setzt ein und man sucht nach hinweisen, die auf den aufenthaltsort hindeuten. langsam gewöhnt sich unser auge an die umgebung und man realisiert, dass man soeben die nacht in einer fremden umgebung verbracht hat.
unabhängig davon, wie individuell jeder auf diese umgebung nun reagiert, kann man jedoch sagen, dass das auge unruhig nach spuren des letzten abends sucht. der raum, der ort, die atmosphäre, ein gedankenschlachtfeld der letzten nacht, das man langsam zu verstehen beginnt. der erleuchtete raum wirkt zunächst verstörend, der geruch wirkt alt und vergangen.
dieser moment des realisierungsprozesses, das man nicht in seinem eigenen bett liegt, sondern in einem fremden, ist ein weiterer moment, in dem man die bindung zwischen mensch und umwelt aktiv wahrnimmt.
"mit jemandem schlafen und mit jemandem einschlafen, sind nicht nur zwei unterschiedliche, sondern sogar gegensätzliche leidenschaften.", sagte milan kundera einst. ähnlich ist es mit dem aufwachen. wacht man auf und verschließt nicht die augen vor der realität, die meistens erschreckender ist, als die traumlandschaft, nimmt man alles um sich wahr, als sei es gerade erst entstanden. verschließt man die augen, bleibt man im wunderland und beraubt sich selbst einer machtvollen erfahrung, in der wir mit der welt, die uns umgibt im reinen sind.
schlafen um aufzuwachen!
gute nacht!

s.

von balkonien

schlafen tat sie nicht, denn sie war tot. sie war gegen meine fensterfront geknallt und nun zierte der abdruck einer taube mit ausgebreiteten flügeln mein fenster. das arme tier war an der glaswand abgeprallt und auf meinem balkon gelandet. dort lag sie nun, regungslos, ihre flügel von sich gestreckt und die augen sanft geschlossen. eine leiche in meiner zauberhaften oase der ruhe.
balkonien. jeder kennt es und verzieht sich an heißen sommertagen nur zu gern dorthin zurück, wenn man gerade nicht das passende kleingeld für einen urlaub am meer hat. balkonien sieht immer anders aus und versprüht, so unterschiedlich es auch erscheinen mag, immer einen hauch von eleganz. selbst im sommer ist der mensch schlau genug sich einen ort zu erschaffen, der seiner warmen winterhöhle gleicht. balkonien - das reich der träume.
obgleich man verschiedenfarbige getränke zu sich nimmt, unterschiedliche leute in balkonien trifft oder die seele baumeln lässt, erscheint uns doch balkonien immer als ein refugium der absoluten harmonie.
ein ort, an dem man, gleich der schwebung, mit sich und der welt im reinen ist.
die stunden werden in balkonien zu minuten, getränke werden auf rätselhafte art und weise schnell leer getrunken, ohne das man notiz davon nimmt und die sonne scheint schneller zu vergehen als sonst. raum-zeit-kontinuum mag in balkonien egal sein und wir lassen uns in einen zustand der absoluten ausgeglichenheit fallen.
balkonien findet man in variierter form auch in anderen orten. jeder ort, der im sommer eine besondere anziehung auf uns ausübt gehört zum reiche balkoniens. und jeder von diesen orten, die wir besuchen, eröffnet uns eine neue facette der vielfalt balkoniens.
doch wie soll man mit einer störung, wie der einer taubenleiche im paradiesischen bakonien umgehen?
die tote taube mahnte mich zurecht. balkonien sollte man im sommer nie zu spät verlassen. zu schnell vergeht die sonne, zu schnell leeren sich die gläser und zu schnell verliert man ein gefühl für den genuss. und wenn dies passiert, wird balkonien schnell vom traum zum alptraum.
eins sollte man auf einem urlaub in balkonien nie vergessen: das zeitgefühl oder die passende sonnencréme!

s.

von der schwebung

die augen sind offen. der blick ist starr nach vorne gerichtet und man fixiert unbewusst einen bestimmten gegenstand ohne seine beschaffenheit zu hinterfragen. irgendwann ist man sich des geisteszustandes bewusst und man fragt sich, ob jemand diesen zustand bemerkt hat. diese momente sind die seltenen momente der substanzlosen gedankenfreiheit. körper und geist sind in diesem zustand vollkommen und konzentrieren sich nicht im geringsten auf ein bestimmtes ziel. es ist eine art schwebung des gemüts, die meistens nur von kurzer dauer ist. 
im sommer ist diese schwebung häufiger anzutreffen, was wohl daran liegt, das körper und geist drastischeren äußeren einflüssen ausgesetzt sind, als im winter. der sommer birgt im gegensatz zum winter ein leichteres aber machtvolleres geheimnis, als wir es im winter unter der kalten oberfläche erahnen können. im winter hat man das ziel, die welt unter der schneedecke zu entdecken und zu enteisen. im sommer liegt alles brach und frei und die haut der erde reagiert sensibel und höchst einfühlsam auf jede berührung und jedes wechselspiel mit uns. wie äußert sich das? was sind die unbewussten momente in denen mensch und sensible erde miteinander ohne zusatzstoffe und katalysatoren reagieren?
einer der vielen, die ich diese saison erwähnen möchte, ist die schwebung; der zustand, in dem wir haltlos, gedankenfrei nach vorne blicken und wahrnehmen. oft verfallen wir in die schwebung am morgen, kurz nach dem aufstehen. man könnte viele stunden in diesem zustand verbringen, doch wird man irgendwann aus dieser situation herausgerissen und verfällt in das gewöhnliche wahrnehmungsmuster. die schwebung ermöglicht uns kurz aus unserem gängigen muster auszubrechen, da sie sich ohne jeglichen zwang und ohne willen einstellt.
man kann und darf sie nicht erzwingen. freut euch auf sie und heißt mit ihr den sommer willkommen!

s.

von der entzauberung

in meinem leben galt bisher jedes jahr der urlaub bei meinen großeltern in der slowakei als tröstendes, emotional erhebendes und vor allem reinigendes highlight des jahres. die reise dorthin hatte immer ihre bestimmten meilensteine, denen ich beim vorbeifahren immer einen kleinen gruß zuwarf. jedes jahr dieselbe aufregung am abend vor der abreise, die immense vorfreude auf das land, welches ich so liebe. jedes mal, wenn ich dort war, entzückte mich der anblick des lebens dort und es schien, alsob sich nichts verändert hatte.
sicher hat jeder so ein refugium, das einen im geheimen immer in gedanken begleitet und gereinigt hat und das einen mächtigen, berauschenden einfluss auf den gemütszustand ausübt. je intensiver und wahrhaftiger man sich mit dem effekt, den dieser ort auf einen ausübt, beschäftigt, desto größer ist die gefahr, dass dieser drogenähnliche effekt mehr und mehr schwindet. so entdeckte ich nach und nach, dass meine geliebte heimat eben doch nicht so unantastbar blieb, wie sie früher schien. mich überkam die angst, dass der trost und der zauber dieses ortes irgendwann ganz erlischen und mich unbefriedigt zurücklassen würde. besonders wenn man versucht, diesen ort, der einem so unberührt und heilig erscheint, mit seinem normalen lebensalltag zu verknüpfen, erfasst einen die angst noch mehr, dass die wirkung und die magie irgendwann im zuge des älterwerdens aufhört und der ort gänzlich entzaubert wird. ist dieser ort letztendlich nur ein billiger zaubertrick?
mittlerweile bin ich mir darüber im klaren, das wir den wandlungsprozess von eben solchen orten, stärker wahrnehmen, als andere veränderungen. doch sollte man deshalb nicht verzagen und darüber trauern, sondern aktiv daran teilnehmen. liegt ein zauber auf etwas, so ist er nicht oberflächlich, sondern tief verankert. es ist also fast unmöglich etwas zu entzaubern, was seine wurzeln doch tief verinnerlicht hat; vorrausgesetzt, man entwendet diesen kern nicht. wenn wir bereit sind den zauber aufrechtzuerhalten und am wandlungsprozess teilzunehmen, realisieren wir erst, dass es keinen zaubertrick gibt. tun wir dies nicht, bleibt die verwandlung aus, und entlassen den ort mit seinem kern in die entzauberung.
vergleichbar ist diese theorie mit dem bild einer zwiebel. die äußere haut ist das gegenwärtige, was langsam abzublättern beginnt. doch die zweite, dritte, vierte schicht birgt ein intensiveres und mächtigeres erscheinungsbild, als das vorherige. die essenz bleibt erhalten, die oberfläche ändert sich. es liegt an uns, ob wir die zwiebel weiterschälen wollen, oder ob wir sie wegschmeißen, dem wandlungsprozess nicht weiter folgen und möglicherweise eine neue nehmen.
der effekt, nach dem wir uns so sehnen, bleibt bestehen. man darf nur nicht nach ihm suchen. er findet uns.


s.

von der komposition

in den letzten tagen fand ich außerhalb meiner wohnung nur schwer einen platz zum flanieren unter freiem himmel. und damit meine ich nicht ein stück grünen rasen oder beton, sondern eine parkbank oder einen stuhl in einem café. alles war besetzt. als ich dann schließlich eine heruntergekommene bank, versteckt zwischen zwei wuchernden hecken fand, wurde ich sogleich von einer vielzahl von insekten begrüßt. irgendwie schien sich die komplette äußere komposition gegen mich zu sträuben oder hatte ich einfach nur pech gehabt?
will man die eigene idee des frühlings und des bevorstehenden sommers genießen, muss die komposition der handelnden personen stimmen. im drama hat fast jede figur seelische qualitäten, die keiner anderen gehören. jeder regisseur baut die komposition der handelnden personen auf diesen eigenschaften auf. das prinzip der komposition besteht darin, dass die an der handlung beteiligten figuren einander in nichts wiederholen, selbst wenn sie durch ein und dasselbe motiv miteinander verbunden sind. nun ist die ausbalancierung gefragt.
ich denke, das diese balance auch in diesen tagen streng von nöten ist. nicht ohne grund beschleicht mich permanent das gefühl, das die derzeitige komposition von menschen nicht ausgeglichen zu sein scheint. gemeint ist hier, das zu viele menschen mit denselben motiven eben nicht unterschiedlich, sondern gleich handeln. was zeichnet dann diese menschen aus?
die einzigartigkeit des menschlichen ich liegt in dem verborgen, was an ihm unvorstellbar ist. aber vorstellen können wir uns nur, was an allen menschen gleich, was allgemein ist. es gilt das individuelle zu enthüllen, entdecken und zu erobern. man kann die äußere gesamtkomposition nicht konrollieren, wie ein regisseur seine inszenierung. man kann sie beeinflussen, indem man versucht zu unterscheiden und versucht, dass die handelnden personen einander ergänzen und nicht ausschließen.
vielleicht bekommt dann jeder einen sitzplatz.

s.

von der körperlichen blüte

lisa stead ist eine ganz besondere modedesignerin. als studentin am central saint college of art and design entwickelte sie kleider, die mithilfe von sensoren die erregungsstufen ihrer träger registrieren und ein LED-Muster erzeugen. diese intime kommunikation von mensch und technologie machte mich stutzig.
vergangenen montag war frühlingsanfang; die zeit in der der mensch erregt vom sprießen der bäume und dem duft der frühblüher auf die pirsch nach dem bestimmtem pandon geht. die ersten warmen tage verleiten zum flanieren in parks, die schon längst nicht mehr das minenfeld verflossener liebschaften sind, in gut riechenden cafés oder auf der eigenen sonnendurchfluteten terrasse zuhause. doch im zeitalter der digitalen kommunikation eröffnet uns nun frau stead eine andere art des aufblühens unseres körpers. ein mit lichtern besticktes kleid zeigt uns unseren ganz individuellen erregungszustand und macht uns in zukunft das definieren der eigenen und der fremden libido viel leichter. das, was unseren körper von dem körper unseres gegenübers trennt, ist die kleidung. so scheint es auch mit unserer erregung zu sein. ein kleidungsstück, benäht mit unserer erregung, würde uns z.b. das kennenlernen eines attraktiven fremden wesentlich vereinfachen. wie leicht würde es sein, sich über ein gesprächsthema anregend zu einigen und auszutauschen! brauchen wir tatsächlich noch die blühenden bäume, die duftenden hänge als katalysatoren unseres emotionalen zustandes?
alles strebt nach dem reinen, einfachen weg des gedankenaustausches. emotionen und erregungen sind etwas rein körperliches. emotionen und erregungen können ihren höhepunkt, und somit ihre volle blüte, entfalten, bevor sie verwelken. ein kleidungsstück kann löcher bekommen und kaputt gehen. beide sind befristet. beide müssen von neuem auferstehen. so ist es auch mit den blüten.
jedoch sind blüten nur ein zwischenstadium. sie transformieren sich im laufe ihres bestehens zu einer reifen frucht. dies tut kleidung nicht.
die entfaltung unserer körperlichen blüte geht mit einem kleidungsstück keine symbiose ein, aber mit einem anderen menschen schon. die kleidung trennt uns lediglich voneinander. warum diese also als ein hilfsmittel zur kommunikation verwenden, wenn das wachstum und das entdecken der eigenen und fremden körperlichen blüte so viel spannender ist? dies setzt natürlich voraus, dass das gegenüber endlich aus seiner knospe herausbricht und uns seine schönheit und vielfalt offenbart.
das eigene herausbrechen aus der knospe ist ein spannender vorgang. er erfordert zwar manchmal viel mut und kraft, schenkt einander aber den originellen, reinen emotionalen genuss.

s.

vom winterschlussverkauf

alles muss raus. und ich rede nicht von unseren toilettenbesuchen.
mein letzter besuch in einer der filialen einer weltberühmten modekette, schockierte mich bis ins mark. ich betrat den laden. mir bot sich ein schrecklicher anblick, der dem ruf der modekette ganz und gar nicht entsprach. ein haufen lackstiefel, der nicht mehr auf dem daneben stehenden tisch, sondern auf dem dreckigen fußboden lag, versperrte mir den weiteren weg zur herrenabteilung.
alles muss raus.
der winterschlussverkauf weckte in mir die frage, ob unsere zwischenmenschlichen beziehungen dem ganzen nicht ähneln. ist es an der zeit alles raus zu lassen? und wenn ja, soll man einfach nicht lange darüber nachdenken und es rauslassen, wie die lackstiefel? soll es lang und schmerzvoll sein, oder finden wir gar den idealen weg und können den schmerz ganz beiseite lassen?
in einer zeit, in der der teufel kein prada, sondern des kaisers neue kleider in form von digitalen kommunikationsnetzwerken trägt, ist es immer schwieriger etwas zu äußern, ohne das das gegenüber es falsch verstehen könnte.
neulich wurde mir gesagt, das alles, was man auf dem markt käuflich erwerben kann, einen selbstzerstörungsmechanismus vorprogrammiert bekommen hat. eine begrenzte lebensdauer in form einer tickenden zeitbombe. alles was man erwirbt ist von vornherein zum sterben verurteilt. ist das mit beziehungen ebenso? sollen wir jetzt alles raus lassen um wenigstens noch im frischen romantischen frühling einen neustart zu wagen?
eine berühmte kolumnistin meinte einst:" was für den mann das kleine schwarze büchlein ist, ist für uns frauen das kleine schwarze.". vielleicht liegt gerade hier das geheimnis des "wegwerfartikels". wir bestätigen unsere gegensätzlichkeit durch verschiedene definitionen von ein und derselben sache. nichts ist aktueller und gefährlicher als der uns wohl bekannte determinismus. sich den determinismus vor augen zu halten ist keine kunst. die kunst ist eher indeterministisch zu denken; also darüber nachzudenken, ob bestimmte dinge eben NICHT von vornherein festgelegt gewesen sein könnten. der determinismus ist letztendlich das ticken der zeitbombe in all unseren beziehungen als konsumenten und liebenden menschen.
alles muss raus.
lasst uns platz schaffen für die neue kollektion, denn ein deterministisches lebensverständnis, so sage ich, ist vollkommen für den arsch.

s.

vom tropistischen warten

es gibt eine zeit im winter, die sich nicht klar in unser jahreszeit-kontinuum einordnen lässt. in dieser zeit scheint es nicht wirklich kalt, aber auch nicht richtig warm zu sein. immerwieder wird man von plötzlichen stürmen, kälte- und wärmeeinbrüchen erschreckt. die wahl des am besten geeigneten kleidungsstücks fällt ebenso schwer, wie die wahl zwischen einem würzigen chai und einem lieblichen jasmintee. kurzum, geraten wir in einen zustand der existenziellen orientierungslosigkeit.
diese orientierungslosigkeit äußert sich vorallem im warten, welches unmittelbar aus unserer unentschlossenheit entsteht.
in diesem warten treffen sich unser aller gemüter. es scheint, alsob man mit allen gleichsam, geradezu tropistisch auf einen reiz wartet, der uns dazu bewegt, wieder folgerichtig und orientiert zu handeln.
interessant ist jedoch die verhaltensweise derjenigen, die mit uns warten. eine seltsame unbefangenheit entsteht plötzlich untereinander, und man weiß, das sich das gegenüber in demselben zustand befindet, wie man selbst. irgendwann im laufe des gesprächs erhofft man sich sogar, dass der bevorstehende reiz des aufbruchs erst gar nicht eintreffen möge, weil dadurch dieser wunderbare unbefangene zustand sein ende hätte. jeder würde wieder durch seinen eigenen reiz beflügelt, sein persönlich orientiertes leben leben. gleichsam fragte ich mich, ob es nicht einen einzigen reiz geben könnte, der uns alle gleichsam in eine richtung bewegt. was macht einen tropistischen reiz aus?
orientierungslosigkeit äußert sich unter anderem auch in rage. das sich eine frau, lachs in pfeffersoße bestellt und sich im nachhinein darüber echauffiert, dass der lachs angebrannt schmecken würde, zeugt von einer unzufriedenheit, die in diesem warten auf den reiz verwurzelt ist. der winter kommt und man sehnt sich nach dem sommer. es kommt der sommer und schon fürchtet man den winter.
vielleicht ist gerade diese wartende zeit, der reiz, den wir als solchen nur nicht wahrnehmen, sondern verachten, da er uns orientierungslos zurücklässt.
trifft man sich jedoch lange zeit später zur warmen jahreszeit wieder, so behält man dieses warten in unvergesslicher erinnerung. das warten weckt in uns, durch die orientierungslosigkeit, den wunsch nach einem gemeinsamen streben.
lasst uns diesen furchtbaren orientierungslosen reiz teilen und genießen!

s.

von der kolorierung

letztens ins der kirche. ich sitze im ehrfürchtigen haus gottes und lausche der heiligen messe. ich habe eine komplette bank für mich allein und genieße die abgeschiedenheit und ruhe meiner domäne. in den letzten fünf minuten vor gottesdienstbeginn eilt ein ehepaar, geschätztes alter 60 jahre, durch die kirche und hechtet auf meine auserwählte bank zu. sicher. natürlich nehmen sie platz, direkt neben mir. die bank ist ja nur zu groß um mindestens zehn leuten platz zu bieten. hinzu kam, das der ehemann wohl in der vergangenheit eine große begabung hatte zu singen, die er nun zum besten geben musste. allerdings war das ergebnis eher nicht hörenswert, doch er schien stolz darauf zu sein, sein mächtiges organ über die anderen stimmen und stimmchen hinweg zu setzen und fast sogar der orgel selbst konkurrenz zu machen.
 wie unverschämt, dachte ich mir, das man die stimme erhebt über andere, als gäbe es nichts anderes in diesem moment als die eigene stimme.
"jedes wort ein machtwort. jetzt rede ich! als wäre das selbstverständlich." aus martin heckmanns  bühnenstück "finnisch" fiel mir augenblicklich hierzu ein. dann resignierte ich und dachte an meine eigenen machtwörter. hatte ich überhaupt jemals welche gesprochen? und wenn ja, welche konsequenzen haben die machtwörter nach sich gezogen? ich kam nicht drum herum mich zu fragen, welche definition des guten ausdrucks auf unseren alltagsjargon zutrifft. woher weiß man, wann es zeit ist den mund zu öffnen und zu halten? brauchen wir gar bestimmte richtlinien die unserem ausdruck form und glanz verleihen, sodass man später nicht als ein einfältiger herr beschrieben wird, der in der kirche zu laut singt?
welche konsequenzen ziehen unsere machtwörter nach sich? unseren mitmenschen wird eine weitere facette deren unvollständigem puzzlebild unserer persönlichkeit hinzugefügt. auf den ersten blick mögen wir wohl skeptisch auf dieses von unserem mitmenschen kolorierte bild schauen, aus angst das bild, das wir stets von uns vor augen haben, stimme nicht mit dem bild des anderen überein. vielleicht beginnt man sich und seine meinungen zu hinterfragen, stößt eventuell auf unsinn, spricht denjenigen im endeffekt darauf an und bekommt den gleichen unsinn als antwort zurück. oder?
möchte man sogar von anderen neu koloriert werden, als man in wirklichkeit ist um in einem anderen licht zu stehen? der gedanke klingt verlockend....
zum beispiel "koloriere" ich tagtäglich meine kommilitonen, jedoch ändert sich die farbgebung und der pinselduktus ständig, je mehr ich mit ihnen spreche oder auch nicht spreche und nur beobachte...
allein das beobachten und das nachträgliche kolorieren schafft in mir stets neuen mut um kontakt mit mir fremden personen aufzunehmen. die schönsten, aber schwersten kolorierungen sind die, die mit kontrastfarben vollzogen werden. unter meinen kommilitonen beispielsweise, gibt es nur einen einzigen, der es wirklich schafft eine großartige mischung von kontrastfarben in sich zu vereinen. ich gebe mir tagtäglich die aufgabe, seine farben für mich neu zu definieren und die machtwörter zu transformieren. es ist eine herausforderung, aber sie hat einen großen reiz...
auf das ihr ebenfalls einen solchen reiz findet! werdet koloristen und betätigt euch in euren köpfen. doch gibt euch diese methode noch lange nicht das recht, eurer bild über das der realität zu stellen! am besten ihr vergleicht euer werk am ende mit dem original zusammen.

s.

von winterschlaf und untergrund

manchmal sehne ich mich im winter nach der gesellschaft von tieren. ich streife durch die verschneite landschaft, stapfe gedankenversunken durch den schnee, vergesse meine eiskalten füße, die wintersocken, die handschuhe, die tropfende nase und dringe mit meinen blick durch die haine, doch nichts ist zu sehen. es scheint, alsob die animalische fraktion dem winter den rücken gekehrt hat, oder ist es am ende eher doch der traditionelle winterschlaf, dem sie verfallen ist? einige unserer vertrauten wald- und wiesenbewohner legen in der kalten jahreszeit ein nickerchen ein und erholen sich von den schrecken und strapazen der vergangenen saison. warum sich dem klaren schein des frostes stellen, wenn es im wunderbau des untergrunds nähe und wärme zu spüren gibt. vielleicht schlafen manche tiere nicht einmal. sie treffen sich im untergrund und geben ein animalisches sinnesfest der triebe und kommen im winter alle an einem ort wieder zusammen.
brauchen wir auch eine art winterschlaf zur erholung? ich ging dieser frage nach und fand mich in nächster zeit in wärmeren und gemütlicheren gefilden wieder. wohnungen, bars, restaurants. es gibt sie zu hauf. und tatsächlich trifft man menschen, die man das ganze jahr über nicht gesehen hat. und plötzlich verfällt man in gespräche, von denen man nie gedacht hätte, das man diese jemals mit dieser person halten könnte. sind es am ende sehnsüchte unseres unterbewusstseins, die nach längerem gährungsprozess in der warmen und gemütlichen atmosphäre des kaninchenbaus endlich gestalt annehmen und gesprächsthema werden? und wenn ja, warum zeigen sich diese dann nur zu dieser jahreszeit und nur an diesem ort in jenem moment?
ein winterschlaf ist für uns eher eine art trance, die auch nur in einem bestimmten kollektiv entstehen kann. dann beginnt man sich zu häuten und die alte, nackte schale fällt von der neuen haut. der rückzug in den untergrund bietet uns die möglichkeit, einander auf eine andere art und weise zuzuhören, vielleicht auch einmal neu in sich hineinzuhören, den trüben blick zu schärfen und unser "gegenüber" in seiner ganzheit verstehen zu können.
heute habe ich den kopf das erste mal aus dem kaninchenbau meines kopfes gesteckt und fortan etwas neues geschnuppert. eine ankündigung des frühlings? ich geh mal weiterschnuppern...und ihr solltet erstmal im untergrund verschwinden und einen kleinen winterschlaf halten. glaubt mir, es tut gut ein paar schnarcher zu machen!

s.