von der kolorierung

letztens ins der kirche. ich sitze im ehrfürchtigen haus gottes und lausche der heiligen messe. ich habe eine komplette bank für mich allein und genieße die abgeschiedenheit und ruhe meiner domäne. in den letzten fünf minuten vor gottesdienstbeginn eilt ein ehepaar, geschätztes alter 60 jahre, durch die kirche und hechtet auf meine auserwählte bank zu. sicher. natürlich nehmen sie platz, direkt neben mir. die bank ist ja nur zu groß um mindestens zehn leuten platz zu bieten. hinzu kam, das der ehemann wohl in der vergangenheit eine große begabung hatte zu singen, die er nun zum besten geben musste. allerdings war das ergebnis eher nicht hörenswert, doch er schien stolz darauf zu sein, sein mächtiges organ über die anderen stimmen und stimmchen hinweg zu setzen und fast sogar der orgel selbst konkurrenz zu machen.
 wie unverschämt, dachte ich mir, das man die stimme erhebt über andere, als gäbe es nichts anderes in diesem moment als die eigene stimme.
"jedes wort ein machtwort. jetzt rede ich! als wäre das selbstverständlich." aus martin heckmanns  bühnenstück "finnisch" fiel mir augenblicklich hierzu ein. dann resignierte ich und dachte an meine eigenen machtwörter. hatte ich überhaupt jemals welche gesprochen? und wenn ja, welche konsequenzen haben die machtwörter nach sich gezogen? ich kam nicht drum herum mich zu fragen, welche definition des guten ausdrucks auf unseren alltagsjargon zutrifft. woher weiß man, wann es zeit ist den mund zu öffnen und zu halten? brauchen wir gar bestimmte richtlinien die unserem ausdruck form und glanz verleihen, sodass man später nicht als ein einfältiger herr beschrieben wird, der in der kirche zu laut singt?
welche konsequenzen ziehen unsere machtwörter nach sich? unseren mitmenschen wird eine weitere facette deren unvollständigem puzzlebild unserer persönlichkeit hinzugefügt. auf den ersten blick mögen wir wohl skeptisch auf dieses von unserem mitmenschen kolorierte bild schauen, aus angst das bild, das wir stets von uns vor augen haben, stimme nicht mit dem bild des anderen überein. vielleicht beginnt man sich und seine meinungen zu hinterfragen, stößt eventuell auf unsinn, spricht denjenigen im endeffekt darauf an und bekommt den gleichen unsinn als antwort zurück. oder?
möchte man sogar von anderen neu koloriert werden, als man in wirklichkeit ist um in einem anderen licht zu stehen? der gedanke klingt verlockend....
zum beispiel "koloriere" ich tagtäglich meine kommilitonen, jedoch ändert sich die farbgebung und der pinselduktus ständig, je mehr ich mit ihnen spreche oder auch nicht spreche und nur beobachte...
allein das beobachten und das nachträgliche kolorieren schafft in mir stets neuen mut um kontakt mit mir fremden personen aufzunehmen. die schönsten, aber schwersten kolorierungen sind die, die mit kontrastfarben vollzogen werden. unter meinen kommilitonen beispielsweise, gibt es nur einen einzigen, der es wirklich schafft eine großartige mischung von kontrastfarben in sich zu vereinen. ich gebe mir tagtäglich die aufgabe, seine farben für mich neu zu definieren und die machtwörter zu transformieren. es ist eine herausforderung, aber sie hat einen großen reiz...
auf das ihr ebenfalls einen solchen reiz findet! werdet koloristen und betätigt euch in euren köpfen. doch gibt euch diese methode noch lange nicht das recht, eurer bild über das der realität zu stellen! am besten ihr vergleicht euer werk am ende mit dem original zusammen.

s.

von winterschlaf und untergrund

manchmal sehne ich mich im winter nach der gesellschaft von tieren. ich streife durch die verschneite landschaft, stapfe gedankenversunken durch den schnee, vergesse meine eiskalten füße, die wintersocken, die handschuhe, die tropfende nase und dringe mit meinen blick durch die haine, doch nichts ist zu sehen. es scheint, alsob die animalische fraktion dem winter den rücken gekehrt hat, oder ist es am ende eher doch der traditionelle winterschlaf, dem sie verfallen ist? einige unserer vertrauten wald- und wiesenbewohner legen in der kalten jahreszeit ein nickerchen ein und erholen sich von den schrecken und strapazen der vergangenen saison. warum sich dem klaren schein des frostes stellen, wenn es im wunderbau des untergrunds nähe und wärme zu spüren gibt. vielleicht schlafen manche tiere nicht einmal. sie treffen sich im untergrund und geben ein animalisches sinnesfest der triebe und kommen im winter alle an einem ort wieder zusammen.
brauchen wir auch eine art winterschlaf zur erholung? ich ging dieser frage nach und fand mich in nächster zeit in wärmeren und gemütlicheren gefilden wieder. wohnungen, bars, restaurants. es gibt sie zu hauf. und tatsächlich trifft man menschen, die man das ganze jahr über nicht gesehen hat. und plötzlich verfällt man in gespräche, von denen man nie gedacht hätte, das man diese jemals mit dieser person halten könnte. sind es am ende sehnsüchte unseres unterbewusstseins, die nach längerem gährungsprozess in der warmen und gemütlichen atmosphäre des kaninchenbaus endlich gestalt annehmen und gesprächsthema werden? und wenn ja, warum zeigen sich diese dann nur zu dieser jahreszeit und nur an diesem ort in jenem moment?
ein winterschlaf ist für uns eher eine art trance, die auch nur in einem bestimmten kollektiv entstehen kann. dann beginnt man sich zu häuten und die alte, nackte schale fällt von der neuen haut. der rückzug in den untergrund bietet uns die möglichkeit, einander auf eine andere art und weise zuzuhören, vielleicht auch einmal neu in sich hineinzuhören, den trüben blick zu schärfen und unser "gegenüber" in seiner ganzheit verstehen zu können.
heute habe ich den kopf das erste mal aus dem kaninchenbau meines kopfes gesteckt und fortan etwas neues geschnuppert. eine ankündigung des frühlings? ich geh mal weiterschnuppern...und ihr solltet erstmal im untergrund verschwinden und einen kleinen winterschlaf halten. glaubt mir, es tut gut ein paar schnarcher zu machen!

s.