vom winterschlussverkauf

alles muss raus. und ich rede nicht von unseren toilettenbesuchen.
mein letzter besuch in einer der filialen einer weltberühmten modekette, schockierte mich bis ins mark. ich betrat den laden. mir bot sich ein schrecklicher anblick, der dem ruf der modekette ganz und gar nicht entsprach. ein haufen lackstiefel, der nicht mehr auf dem daneben stehenden tisch, sondern auf dem dreckigen fußboden lag, versperrte mir den weiteren weg zur herrenabteilung.
alles muss raus.
der winterschlussverkauf weckte in mir die frage, ob unsere zwischenmenschlichen beziehungen dem ganzen nicht ähneln. ist es an der zeit alles raus zu lassen? und wenn ja, soll man einfach nicht lange darüber nachdenken und es rauslassen, wie die lackstiefel? soll es lang und schmerzvoll sein, oder finden wir gar den idealen weg und können den schmerz ganz beiseite lassen?
in einer zeit, in der der teufel kein prada, sondern des kaisers neue kleider in form von digitalen kommunikationsnetzwerken trägt, ist es immer schwieriger etwas zu äußern, ohne das das gegenüber es falsch verstehen könnte.
neulich wurde mir gesagt, das alles, was man auf dem markt käuflich erwerben kann, einen selbstzerstörungsmechanismus vorprogrammiert bekommen hat. eine begrenzte lebensdauer in form einer tickenden zeitbombe. alles was man erwirbt ist von vornherein zum sterben verurteilt. ist das mit beziehungen ebenso? sollen wir jetzt alles raus lassen um wenigstens noch im frischen romantischen frühling einen neustart zu wagen?
eine berühmte kolumnistin meinte einst:" was für den mann das kleine schwarze büchlein ist, ist für uns frauen das kleine schwarze.". vielleicht liegt gerade hier das geheimnis des "wegwerfartikels". wir bestätigen unsere gegensätzlichkeit durch verschiedene definitionen von ein und derselben sache. nichts ist aktueller und gefährlicher als der uns wohl bekannte determinismus. sich den determinismus vor augen zu halten ist keine kunst. die kunst ist eher indeterministisch zu denken; also darüber nachzudenken, ob bestimmte dinge eben NICHT von vornherein festgelegt gewesen sein könnten. der determinismus ist letztendlich das ticken der zeitbombe in all unseren beziehungen als konsumenten und liebenden menschen.
alles muss raus.
lasst uns platz schaffen für die neue kollektion, denn ein deterministisches lebensverständnis, so sage ich, ist vollkommen für den arsch.

s.

vom tropistischen warten

es gibt eine zeit im winter, die sich nicht klar in unser jahreszeit-kontinuum einordnen lässt. in dieser zeit scheint es nicht wirklich kalt, aber auch nicht richtig warm zu sein. immerwieder wird man von plötzlichen stürmen, kälte- und wärmeeinbrüchen erschreckt. die wahl des am besten geeigneten kleidungsstücks fällt ebenso schwer, wie die wahl zwischen einem würzigen chai und einem lieblichen jasmintee. kurzum, geraten wir in einen zustand der existenziellen orientierungslosigkeit.
diese orientierungslosigkeit äußert sich vorallem im warten, welches unmittelbar aus unserer unentschlossenheit entsteht.
in diesem warten treffen sich unser aller gemüter. es scheint, alsob man mit allen gleichsam, geradezu tropistisch auf einen reiz wartet, der uns dazu bewegt, wieder folgerichtig und orientiert zu handeln.
interessant ist jedoch die verhaltensweise derjenigen, die mit uns warten. eine seltsame unbefangenheit entsteht plötzlich untereinander, und man weiß, das sich das gegenüber in demselben zustand befindet, wie man selbst. irgendwann im laufe des gesprächs erhofft man sich sogar, dass der bevorstehende reiz des aufbruchs erst gar nicht eintreffen möge, weil dadurch dieser wunderbare unbefangene zustand sein ende hätte. jeder würde wieder durch seinen eigenen reiz beflügelt, sein persönlich orientiertes leben leben. gleichsam fragte ich mich, ob es nicht einen einzigen reiz geben könnte, der uns alle gleichsam in eine richtung bewegt. was macht einen tropistischen reiz aus?
orientierungslosigkeit äußert sich unter anderem auch in rage. das sich eine frau, lachs in pfeffersoße bestellt und sich im nachhinein darüber echauffiert, dass der lachs angebrannt schmecken würde, zeugt von einer unzufriedenheit, die in diesem warten auf den reiz verwurzelt ist. der winter kommt und man sehnt sich nach dem sommer. es kommt der sommer und schon fürchtet man den winter.
vielleicht ist gerade diese wartende zeit, der reiz, den wir als solchen nur nicht wahrnehmen, sondern verachten, da er uns orientierungslos zurücklässt.
trifft man sich jedoch lange zeit später zur warmen jahreszeit wieder, so behält man dieses warten in unvergesslicher erinnerung. das warten weckt in uns, durch die orientierungslosigkeit, den wunsch nach einem gemeinsamen streben.
lasst uns diesen furchtbaren orientierungslosen reiz teilen und genießen!

s.