von der enge der rituale

angenommen es gäbe keine einrichtungen mehr auf der welt, in der sich menschen treffen könnten, wohin würde der mensch gehen?
man würde sich zu hauf auf dem land, dem feld, der wiese, dem wald,  der straße, der schlucht versammeln und die konversation dort abhalten.
im laufe der zeit haben sich die rituale und bräuche der menschheit stets gewandelt. so wie einst der sonntägliche kirchenbesuch ganz oben auf der liste stand, so versammelt man sich heute in kompletter familienkonstellation bei starbucks oder geht gemeinsam brunchen. damals waren die kirchen maßlos überfüllt. heute gähnen sie fast vor leere. heute muss man sich anstrengen bei starbucks am sonntag irgendwo noch einen sitzplatz zu bekommen, um nicht von einem tobenden kind umgerannt zu werden. die enge von ritualen scheint uns, so unterschiedlich sich rituale entwickeln, erhalten zu bleiben. von generation zu generation, tradition. doch was heißt es, wenn eine tradition, wie beispielsweise omas sonntägliche kochkünste eines tages nicht mehr unseren gaumen erfreut? entstehen einfach so aus dem nichts neue traditionen? kann es überhaupt neue traditionen geben?
letztens war ich auf einer wirklich wundervollen wg-party. von der wohnung hab ich allerdings nicht wirklich viel gesehen, da mich permanent menschen umgaben, die mich letztlich mehr interessierten als die wohnung. mein weg zum buffet, der nur wenige schritte lang war, stellte sich als waghalsiges abenteuer heraus. man kam einander in die quere beim an der wand entlangtasten. körper an körper bewegte man sich vorwärts, wenn auch teilweise in entgegengesetzte richtungen. doch wirklich interessant waren die kleinen begegnungen, die man während seines weges mit den fremden menschen hatte. man nickte einander lächelnd und wissend zu, machte eine kurze bemerkung, bezüglich der engen situation und ging weiter seines weges. manchmal entstand aus dieser enge auch eine etwas längere konversation, was mich nun wieder zu unseren traditionen und ritualen führt.
als aufgeklärte menschen, die den aberglauben unserer vorfahren akzeptiert und überwunden haben, sind wir stets danach bestrebt einen gewissen teil unserer vergangenheit bestehen und den anderen teil ersetzen zu lassen. letztlich möchten wir nur unter beweis stellen, das wir selbst in der lage sind, etwas neues zu erschaffen, eine tradition hervorzubringen, die selbst uns überlebt und weitergegeben wird. nötig ist dieser ganze spaß jedoch nicht. wir sind teil einer sehr alten tradition, die sich im laufe der zeit zwar wandelt, da sie durch uns und durch unsere nachfahren bereichert wird, doch im kern bleibt sie bestehen.
bei starbucks kann man zwar keine eucharistiefeier mit vertrockneten hostien halten, doch bereits caravaggio hat einem säufer das gesicht von jesus gegeben.

s.

vom fremdschlaf

das erwachen beginnt mit den worten "bin" und "jetzt" schreibt christopher isherwood in "a single man".
bin jetzt wach.
besonders im sommer, wo die tage länger und die nächte kürzer sind, kann es durchaus vorkommen, das man den schlaf an einem außergewöhnlichen ort vollzieht. man verzichtet auf das eigene, intime erlebnis im eigenen bett, das uns jede nacht wie ein boot über unseren gedankensee ins reich der träume hinüberführt. der private schlaf dringt nach außen und wird öffentlich.
nun ist es oft der fall, das sich unser boot als etwas fremdes in einer fremden umgebung herausstellt. häufig erliegen wir einfach dem drängen des schlafs in einem fremden boot, welches uns auf einem neuen weg ins traute reich hinüberführt. ich möchte jedoch nicht über den schlaf an sich schreiben. interessanter ist eher das aufwachen in einem fremden bett oder an einem fremden ort.
bin jetzt wach.
den moment des aufwachens in fremder umgebung kann man mit einem seltsamen tauchergefühl vergleichen. man schlägt die augen auf, jedoch versteht man das was man sieht nicht. wir hören erst sehr spät, wenn wir aufwachen.
irritation setzt ein und man sucht nach hinweisen, die auf den aufenthaltsort hindeuten. langsam gewöhnt sich unser auge an die umgebung und man realisiert, dass man soeben die nacht in einer fremden umgebung verbracht hat.
unabhängig davon, wie individuell jeder auf diese umgebung nun reagiert, kann man jedoch sagen, dass das auge unruhig nach spuren des letzten abends sucht. der raum, der ort, die atmosphäre, ein gedankenschlachtfeld der letzten nacht, das man langsam zu verstehen beginnt. der erleuchtete raum wirkt zunächst verstörend, der geruch wirkt alt und vergangen.
dieser moment des realisierungsprozesses, das man nicht in seinem eigenen bett liegt, sondern in einem fremden, ist ein weiterer moment, in dem man die bindung zwischen mensch und umwelt aktiv wahrnimmt.
"mit jemandem schlafen und mit jemandem einschlafen, sind nicht nur zwei unterschiedliche, sondern sogar gegensätzliche leidenschaften.", sagte milan kundera einst. ähnlich ist es mit dem aufwachen. wacht man auf und verschließt nicht die augen vor der realität, die meistens erschreckender ist, als die traumlandschaft, nimmt man alles um sich wahr, als sei es gerade erst entstanden. verschließt man die augen, bleibt man im wunderland und beraubt sich selbst einer machtvollen erfahrung, in der wir mit der welt, die uns umgibt im reinen sind.
schlafen um aufzuwachen!
gute nacht!

s.

von balkonien

schlafen tat sie nicht, denn sie war tot. sie war gegen meine fensterfront geknallt und nun zierte der abdruck einer taube mit ausgebreiteten flügeln mein fenster. das arme tier war an der glaswand abgeprallt und auf meinem balkon gelandet. dort lag sie nun, regungslos, ihre flügel von sich gestreckt und die augen sanft geschlossen. eine leiche in meiner zauberhaften oase der ruhe.
balkonien. jeder kennt es und verzieht sich an heißen sommertagen nur zu gern dorthin zurück, wenn man gerade nicht das passende kleingeld für einen urlaub am meer hat. balkonien sieht immer anders aus und versprüht, so unterschiedlich es auch erscheinen mag, immer einen hauch von eleganz. selbst im sommer ist der mensch schlau genug sich einen ort zu erschaffen, der seiner warmen winterhöhle gleicht. balkonien - das reich der träume.
obgleich man verschiedenfarbige getränke zu sich nimmt, unterschiedliche leute in balkonien trifft oder die seele baumeln lässt, erscheint uns doch balkonien immer als ein refugium der absoluten harmonie.
ein ort, an dem man, gleich der schwebung, mit sich und der welt im reinen ist.
die stunden werden in balkonien zu minuten, getränke werden auf rätselhafte art und weise schnell leer getrunken, ohne das man notiz davon nimmt und die sonne scheint schneller zu vergehen als sonst. raum-zeit-kontinuum mag in balkonien egal sein und wir lassen uns in einen zustand der absoluten ausgeglichenheit fallen.
balkonien findet man in variierter form auch in anderen orten. jeder ort, der im sommer eine besondere anziehung auf uns ausübt gehört zum reiche balkoniens. und jeder von diesen orten, die wir besuchen, eröffnet uns eine neue facette der vielfalt balkoniens.
doch wie soll man mit einer störung, wie der einer taubenleiche im paradiesischen bakonien umgehen?
die tote taube mahnte mich zurecht. balkonien sollte man im sommer nie zu spät verlassen. zu schnell vergeht die sonne, zu schnell leeren sich die gläser und zu schnell verliert man ein gefühl für den genuss. und wenn dies passiert, wird balkonien schnell vom traum zum alptraum.
eins sollte man auf einem urlaub in balkonien nie vergessen: das zeitgefühl oder die passende sonnencréme!

s.