vom herz


mit dem herbst kommt auch der sturm. und mit dem sturm kommt auch der sturm auf unser immunsystem. erkältungen durch einen kleinen luftzug, gerüchte von grippeviren und magen-darm-infekten. und inmitten dem sind wir, die nach dem sommeraus eigentlich nichts von alldem erfahren wollen und unseren kopf lieber mit positiven seiten des herbstes beglücken wollen. die saisonalen bedingungen und die industrie die vor allem psychologisch genau weiß, wie sie ihre verkaufsstrategie am verbraucher einsetzt, zwingen unsereinen dazu sich mit den klassischen krankheiten und plagen des herbstes und der herannahenden kälte auseinanderzusetzen. kaum hat jemand in unserem umfeld eine erkältung, oder erwähnt, dass sich derzeit ein virus im umlauf befindet, läuten unsere alarmglocken.
sollen wir die ausgestellten und beworbenen vitaminkapseln, hustensäfte und immunschützer zu kenntnis nehmen? und wie soll man seine angst in diesen kranken zeiten zu beherrschen lernen?
unser körper ist eine hoch komplexe maschine, die wir sehr oft unterschätzen, manchmal aber auch überschätzen. besonders wenn es dann doch einmal irgendwo zwickt, juckt oder sich ein weißer belag auf der zunge zeigt, durchforstet man das internet und stößt in gesundheitsforen und auf medizinischen beratungsseiten auf viele wegweiser und symptome. und auch in zeiten, wie diesen, in denen der eine oder andere den weg zum arzt meidet, ist unser verstand und unsere kombinatorik am ehesten gefragt, wenn sich der körper meldet. kaum hört man, dass ein bekannter ein herzleiden mit bestimmten symptomen hat, hinterfragt man seinen eigenen lebensstil und vor allem sein eigenes immunsystem. die angst wird geschürt. sollte man raucher sein wird man ständig in seinem leben auf lungenkrebs und die fatalen folgen hingewiesen. da wird ein leichtes stechen in der brust überbewertet und just folgt der angstzustand um das irdische ableben. wie schnell wir uns aus unserem alltag herausreißen lassen und uns nur noch in einer panischen angst um unser fortleben bewegen. ist das übertrieben, oder eher ein weckruf, vorbereitet zu sein auf die krankheit?
man könnte meinen, die angst vor der krankheit ist bereits die krankheit. je krankhafter wir auf unsere eigene sterblichkeit und zerbrechlichkeit hingewiesen werden, umso mehr leidet unser herz.
das herz, unsere fortwährende blüte, die sich unter den strapazen des sturms der krankheit ständig biegen und beugen muss. egal, welchen ängsten, welchen krankheiten, welchem schmerz wir ausgesetzt werden. unser herz leidet am meisten. und die verletzungen heilen oft sehr langsam. nicht umsonst werden wir aufgefordert, in manchen momenten auf unser herz zu hören. doch nicht nur auf unseres, auch auf das der anderen. eine krankheit mag kommen und gehen wie sie will. schlimmer ist jedoch die angst davor und vor dem, was mit unserem herzen passiert. stechen wir einander ins herz - wie kann man die blutung stillen? wird einem das herz gebrochen - wie füge ich es erneut zusammen?
unsere angst vor dem vorgang des reparierens und kurierens und dem möglichen scheitern ist letztendlich die krankheit, die unsere psyche verkrüppelt.
natürlich streikt das herz manchmal gegen den verstand und die symptomatik. in diesem moment ist es an der zeit sich die wahrheit von jemand anderem sagen zu lassen. jemandem, dessen herz nicht blutet. manchmal verweigert uns das die eigene psyche. und will man letztendlich eine krankheit bekämpfen, oder lieber die gesundheit fördern?

vom großen bären


der indianische stamm der irokesen erzählt untereinander jedes jahr in den späten sommertagen die legende von der jagd auf den großen bären:
jahr für jahr verfolgen zwei jäger den großen bären, dessen magische kraft ihn hoch in den himmel trägt. doch die unermüdlichen jäger und ihr hund folgen ihm auch dorthin und erlegen ihn nach langer jagd. das blut des bären tropft auf die erde und färbt die blätter der bäume rot. das ist die legende des 'indian summer'.
der indian summer entfaltet seine früchte in der blüte des spätherbstes, deshalb ist er so paradox, so ungewöhnlich - ein besonderer sommer in einem besonderen herbst. auffällig am indian summer ist neben der warmen witterung, der sinnlichen trockenheit vor allem die intensive blattvervärbung, die sich die irokesen einst durch die legende von der jagd auf den großen bären erklären konnten.
heute erklären wir uns viele dinge nicht mehr anhand von gleichnissen oder metaphern. wir sind bemüht unseren verstand einzusetzen und uns rätsel und mysterien, auch seltsame, unverständlich handelnde, aber anziehende menschen, für uns mithilfe des verstands erklärbar zu machen.
diejenigen, die in den tagen des hochsommers den weg ins freibad oder an den strand gefunden haben, werden sich sicher beim betrachten der ein- oder anderen badegäste gefragt haben, wenn sich so jemand mit haut haar, beinahe nackt der öffentlichkeit preisgibt, welche geheimnisse hat dieser mensch noch vor mir?
uns überkommt die neugier, herauszufinden, was sich hinter den bikinis, den badehosen, den oberen, unteren hautschichten, den muskeln und nerven im herz verbirgt. doch das können wir uns nur vorstellen, mit etwas glück sogar erahnen. aber wer den träumereien, den sehnsüchten, den wünschen keine reale form verleiht, geht im herbst an diesen zugrunde. was der indian summer mit unseren tollkühnen erlebnissen des sommers macht? er trägt sie in den herbst und verwandelt sie. er enthüllt deren wahre natur und bestimmung. und ebendies müssen wir mit unseren wünschen, mit den frischen begegnungen des sommers und unseren neuen idealen machen. wir müssen sie weitertragen in den herbst hinein und dort müssen wir sie enthüllen und ihre wahre natur entdecken, belassen wir sie im sommer werden sie zu einer losgelassenen erinnerung einer süßen träumerei, die uns in der hitze den kopf vernebelte.
der indian summer verhilft uns diese genüsse zu transformieren und zu illuminieren, aber auch geheimnisse aufzudecken, unsere neugier zu schüren, die wahre blattfarbe unseres gegenübers zu erkennen. sicher, neben der schönheit birgt der indian summer auch die trockenheit und den sturm. doch selbst wenn ihr euch irgendwann in einem garten ohne blätter aufhaltet, wer sagt, dass nicht auch er schön sein kann?
seid jäger und geht auf die jagd nach eurem großen bären! es ist jagdsaison! es ist indian summer!

s.

vom puzzle


nach dem österlichen hoch, das unsereinen heutzutage nur teils in himmlische höhen versetzt, sei es weil uns der osterhase oder die süßigkeitenhersteller auf dem grund und boden der tatsachen halten, oder weil es uns einfach egal ist, hält die freude der auferstehung für einige zeit an. doch spätestens nach der nächsten kältephase wird unser gemüt wieder durch dunkle schatten belästigt. natürlich ist der frühling keine geregelte jahreszeit. ein stundenplan der temperaturen, mit so etwas brauchen wir nicht zu rechnen, genauso wenig wie wir abschätzen können, wann uns die nächsten kopfschmerzen widerfahren, oder wann wir das nächste mal auf der treppe über eine stufe stolpern und auf die nase fallen. wir wissen nicht was uns als nächstes widerfährt, abgesehen davon, was wir einplanen, was in unseren terminkalendern seit tagen, wochen oder sogar monaten steht. uns ergeht es nicht wie tim und struppi in ihren abenteuern, in denen eine verfolgungsjagd zu einer durchchoreografierten performance wird. ein puzzleteil fügt sich passend an ein neues. haben wir verlernt die puzzlestücke unseres lebens passend aneinanderzureihen? passen die puzzlestücke überhaupt noch aneinander? und wenn bei einem puzzle am ende ein bild entsteht, welches bild wird es bei uns sein? picasso, monet, oder ein vanitas-stillleben?
manchmal erscheint uns unser alltag als schieres abarbeiten von terminen. die arbeit überzieht den feierabend mit einem negativen beigeschmack des gedankens: "es ist noch nicht alles erledigt". und ganz schnell wird das entspannte abendessen, der fernseh- oder kinoabend zu einer notiz auf unserer to-do-liste.
dies ist exakt der prozess, in dem sich die form unserer puzzleteile verändert, sodass sie nicht mehr aneinanderpassen. unbewusst passiert etwas furchtbares, indem wir uns und unserer taten an eine gusseiserne kette legen. wir sind versessen darauf, dass unsere puzzleteile genau aneinanderpassen, sodass wir das "dazwischen" schier übersehen, die anderen puzzleteile, die wir kurz durch unsere hände gleiten lassen. das "dazwischen" ist gerade das lebenswerte ungeplante, dass unserer to-do-liste die nötige flexibilität verleiht, die unserem hart getimtem alltagsplan oft abhandenkommt. gönnen wir uns den augenblick, schließen wir eine tür und öffnen kurz ein neues fenster und lassen uns platz für die improvisation über ein festes thema, damit wir den wert unserer geplanten dinge umso mehr schätzen können und unserer lebenschoreografie ein paar erfrischende tanzschritte hinzufügen.

s.

von der kreuzigung


die karwoche neigt sich ihrem höhepunkt zu: dem osterfest. zu hauf strömen menschen in die kirche, wollen das große leid von jesus christus teilen, die passion aufs neue miterleben, selber erfahren, was das geheimnis hinter diesem akt der selbstkasteiung ist.
vielen ist der karfreitag neben seinem feiertagsstatus auch als spielverderber-tag bekannt. trauer und andacht dringen unter alle menschen, ob man will oder nicht: jeder tanzwütige discobesucher und fleißiger einkäufer steht vor verschlossener tür. "man soll es doch nicht gleich übertreiben mit der kreuzigung. ich lass mir doch keinen glauben einfach so aufzwingen!", hört man des öfteren.
karfreitag, ein stiller tag. bevor man jedoch am ostersonntag aufersteht, sich an den feierlichkeiten und des lebens neu erfreuen kann, stehen die bedächtigen kartage bevor. was hat das ganze mit uns zu tun?
durch die medien erlangen wir eindrücke von gläubigen christen, die sich intensiv an der liturgie und dem leiden von jesus christus beteiligen. man nimmt es hin, man ignoriert es, findet es verwunderlich, idiotisch, komisch, aber auch interessant, bewegend, aufrüttelnd.
ein kreuz, und besonders die kreuzigung, ist natürlich zunächst sinnbild für das leiden und die passion von jesus christus, der für das leid der menschheit sein leben gab um mit seinem blut die sünde der welt wegzuwaschen. allerdings vergisst man oft, dass zu seiner zeit viele menschen ein kreuz auf einen hohen berg schleppen mussten, auf dem sie unter qualen lange, lange zeit an ihrem eigen getragenen kreuz hingen, bevor sie in den tod gingen. auch heute begegnen uns diese kreuze, die uns unbewusst gerade in diesen tagen, an denen wir sehen, wie viele menschen den tod und die auferstehung eines menschen feiern, an unser eigenes verdrängtes kreuz erinnern. ein mensch, dessen werk für viele menschen fehlinterpretiert wird.
die kreuzigung ist ein akt, der uns in unserer heutigen zeit als projektion für unser eigenes kreuz, das wir ständig mit uns herumtragen, dient. deshalb ist es für uns oft so unangenehm diesem pseudo-kollektiven leiden beizuwohnen. die passion ist eine erfahrung, zu der jeder eingeladen ist, der sich bewusst auf seinen kreuzweg begeben möchte, der sich das gewicht seines kreuzes bewusst werden möchte, der drei mal unter dem gewicht des kreuzes fallen und aufgerichtet werden möchte. in diesem akt tun wir etwas nur für uns, und dennoch obwohl jeder von uns seine eigene kreuzigung erlebt, hängen wir schließlich an unserem kreuz, mit nägeln in den händen, nackt, ausgestreckt, fast leblos für die anderen. ein egoistisches erlebnis, dessen ergebnis doch für jemand anderen bestimmt ist.
das ist das geheimnis der kreuzigung, deren wirkung nach außen stets größer, liebevoller und intensiver ist, als die innere. hat man sich erst an das eigene schwere kreuz genagelt, ist der erlesene schmerz das elixier des neuen altruistischeren lebens, das uns zwar nicht gleich am dritten tage erwartet, sicher aber in naher zukunft in der gestalt bedingungsloser liebe.

s.

von der verdrehten welt


mc flurry ist das verrückte eis von mc donalds. auf dem becher steht, dass jeder bei diesem durchgedrehten eis dahinschmilzt. ist dem so?
früher schmolzen wir bei höflichkeit, sitte und anstand dahin. heute werden wir weich bei ausgefallenen ideen, queerem lebensverständnis und frischem offenen sinn für das verdrehte, das auf dem kopf stehende.
so unterschiedlich sich manche kulturen in ihren sitten verhalten, so anders ist auch unser verständnis vom erwachen des frühlings in dieser zeit. der frühling traf unsereinen in den letzten tagen mit dem hammer auf den kopf. eine fließende überleitung, ein sanftes beben, so etwas kam diesmal nicht vor. von einem tag auf den anderen war es dann soweit. das kam ohne vorwarnung. die überraschung war uns allen ins gesicht und auf unseren körper geschrieben. der eine oder andere verspürte das bedürfnis, seinen wintermantel mit seinem lieblings sommer-shirt zu kombinieren, andere liefen in kurzem hosen herum und auch die sonnenbrille war häufig anzutreffen. verdrehte welt.
beim frühlingswetter schmelzen wir dahin, in der verrücktheit unserer verdrehten erscheinung. das ist das wunderbare an den ersten warmen tagen: das chaos und die dadurch resultierende neuordnung. alle karten werden neu gemischt. neues spiel, neues glück. der einsatz? der sommer, dem wir bereits tief in uns im frühling entgegenjubeln.
dahingehend lasst uns hineinschmeißen ins durcheinander, in den topf, der alles bunt zusammenwürfelt. manchmal entsteht dadurch ein mc flurry, machmal aber auch ein wundervoller flirt, eine muse, ein süßes aufatmen.

s.

vom röntgenausbruch


wie ich den heutigen nachrichten entnehmen durfte, wird uns in den nächsten stunden ein starker magnetsturm erreichen. dieses wort verbindet für mich zwei wörter zu einem konstrukt, welches sich ganz  und gar nicht in meinem kopf verbildlichen lässt. 
ein magnetsturm ist die unumgängliche konsequenz der sonne auf ihren röntgenausbruch, eine art großer wutanfall, in dem unsere gute sonne eine große menge sonnenplasma ausgeworfen hat - ein weiteres verstörendes bild - das nun uns alle, die wir auf der erde in den genuss von sonne kommen, betreffen wird.
solltet ihr also in den nächsten stunden über schwindel, übelkeit, kreislaufbeschwerden oder akute bewusstseinsveränderungen klagen, so kennt ihr möglicherweise die ursache.
ein interessanter gedanke das, obgleich man an diesem ereignis nicht beteiligt war, man dennoch als passiver teil automatisch die folgen auch mittragen muss.
doch wenn wir tatsächlich dafür mit einer magnetisch bedingten bewusstseinsveränderung bezahlen müssen, dass die sonne ihrer schlechten laune nun ausdruck verleiht, ist die interessantere frage, ob sich die magnetischen komponenten in uns nicht auch verändern. wechselt die sonne am ende gar unsere pole aus? und wenn ja, welcher pol von uns begegnet welchem? plus oder minus?
wenn wir die sonne unseres privaten sonnensystems sind, so würde sich unser leben voll und ganz nur um uns drehen, und wir wären immer in gemeinsamer bewegung mit den planeten die sich schnell in konzentrischen kreisen um uns bewegen. unsere planetarischen mitmenschen und vor allem die liebe partnerin erde müssten stets aufs neue unsere röntgenausbrüche ertragen und sich einer gewaltigen ladung sonnenplasma aussetzen. astronomischer fakt ist, das wenn zwei himmelskörper aufeinandertreffen, immer schäden kollateraler natur entstehen. sollten wir angst vor der gefährlichen röntgenstrahlung haben, oder absorbiert sie am ende die atmosphäre?
in unserem fall, wenn wir uns selbst als sonne bereifen und aufeinander zukommen, so begreifen wir einander als eigene sonne und drehen uns jeder auf seiner bahn um uns herum, um ein wort, das sich eventuell irgendwann "beziehung" nennt. kreist man jedoch nur ständig um den anderen herum und bleibt auf seiner bahn, so wird man nie hinter das geheimnis kommen, sich zusammen auf einer bahn zu bewegen.
was passieren würde, wenn sich tatsächlich zwei sonnen begegnen würden? darüber lässt sich nur spekulieren. ich denke ihre plus- und minuspole würden ineinander aufgehen, es würde zu einer verschmelzung kommen, was einer riesigen leuchtenden katastrophe gleichen würde, an der letztendlich auch die umstehenden teilhaben. dies wäre im grunde gleichzusetzen mit der gesamtanzahl der gespräche, die unsereins mit freunden über deren beziehungen hält. da hilft dann auch leider keine sonnencréme.

s.

von der dritten maske


ich brauche nicht zu erwähnen in welcher jahreszeit wir uns befinden. ausnahmsweise verweist diesmal nicht das wetter darauf, sondern endlich nur der mensch.
neben den vier jahreszeiten, die wir uns zur koordination und erklärung der naturkräfte herzitierten, erschufen wir in ferner vergangenheit noch eine jahreszeit zu unserem wohl: den karneval.
karneval wurde bereits in abgewandelter form in mesopotamien gefeiert, als damals vor langer zeit ein könig namens gudea herrschte, der mit einem siebentägigen fest der hochzeit eines gottes gedenken, sowie ein ausgelassenes gleichheitsrecht einführen wollte, das sich u.a. auch in unseren heutigen karneval eingeschlichen hat.
das besondere an karneval, neben den regional verschiedenen unzähligen bräuchen und riten, ist sowohl die wahl der verkleidung, alsauch der wechsel der jahreszeiten. die fünfte jahreszeit dient der maßlosen vergnügung und leitet uns in die sparsame und zwieträchtige fastenzeit ein. doch bevor sich so manch einer keusch und gesittet von fleisch und zuckergebäck distanziert, kommt man zunächst einmal in den genuss der verkleidung. auf unsere masken, die wir jeden tag tragen, wird eine neue, eine fremde gesetzt. sie führt beim gegenüber automatisch zu verwechslung, oder verwirrung, aber auch zu der frage: wer ist das?
genau diese frage schwebt über der fünften jahreszeit und verfolgt uns sogar in die fastenzeit, vielleicht sogar noch weiter. so gesehen, kann man den karneval auch als alternative zum jahreswechsel ansehen. warum?
nun, jeder alltagsmaske setzen wir zu karneval eine weitere maske auf, ein idealbild, das uns gefällt, das uns die möglichkeit gibt jemand anderes zu sein. doch ist das schon alles? ist es tatsächlich so simpel in die rolle einer anderen person zu schlüpfen?
es ist sogar unmöglich! doch das sollte nicht weiter ein problem sein. dafür passiert etwas viel wundervolleres:
in dem moment, in dem wir denken in unserem neuen kostüm voll und ganz aufzugehen, erschaffen wir die dritte maske. die dritte maske entsteht durch unser verhalten, welches sich aus unserer alltagsmaske und der zügellosen karnevalsmaske zusammensetzt. eine wundervolle mischung, die unsere wahrhaftige persönlichkeit ans tageslicht bringt.
keine zeit im jahr ist so fruchtbar, wie die karnevalszeit. sie zeigt uns in seltenen momenten rauchende micky mäuse, hip hop tanzende todesverkünder und grazile feen, die lauthals brüllend ihren robin hood zur schnecke machen. man denkt durch die verkleidung versteckt man sein wahres gesicht, dabei erscheint es durch die maske und die dadurch resultierende dritte maske, besonders klar.
ist das nicht großartig?
noch ist nicht fastnacht, also genießt es!

s.

vom winterwandeln


hier ein paar seiten die ich ganz und gar am winter mag: das kollektive verlangen sich in der warmen stube zusammenzufinden, das recht sich von der außenwelt abzuschotten und sich dem winterschlaf hinzugeben. aber das wundervollste neben schlittschuhlaufen, schneemänner bauen und den vielen anderen kinderfreuden, ist für mich das winterwandeln.
das winterwandeln ist ein zustand, der sich kurzzeitig während des winterschlafes einstellen kann. in dieser zeit bekommen wir den zustand des wachseins nicht mehr mit und bewegen uns in einer traumgefüllten realität. erst wenn sich unser bewusstsein diesem zustand hingibt, wachen wir auf, der zustand ist verflogen, der moment entschwunden. das winterwandeln ist der blauen stunde gleichzusetzen, ein zwielichtiger zustand, der alles zerstören, aber auch alles erschaffen kann. ein eingriff in unser tiefstes psychisches geheimnis. warum kommen wir nur in diesen tagen dazu?
im sommer ist unser befinden mehr darauf fixiert sich nach außen zu dehnen, herauszukommen. im winter beugt es sich nach innen und stellt uns vor die unausweichliche herausforderung mit uns selbst und unserem inneren. es ist ein großartiger kreislauf, der, wenn man ihn durch dieses muster betrachtet, zu einer wunderbaren harmonie führen kann.
so gesehen ist das winterwandeln eine der herausragendsten und spannendsten freuden des winters überhaupt, die im sommer von innen nach außen gekehrt wird und uns die möglichkeit gibt, unseren surrealen bildern eine gestalt in der realität zu verleihen.
die beste möglichkeit träume zu verwirklichen, ist ja bekanntlich aufzuwachen.

s.

vom cent

in diesen kalten januartagen ähnelt sich das verhalten der passanten auf den straßen mehr denn je. kaum stieß die kaltfront zu uns, überdeckte sie gleich unsere ersten hoffnungen eines frühen lenzes. trockenheit und eisiger wind legten sich über frohe frühlingsboten und reizen uns nun, den überlebenstrieb wieder mehr auf vordermann zu bringen.
die gesundheit steht auf der liste an erster stelle. wie ziehe ich mich an, damit ich mir am späten abend keine gedanken machen brauche, wie ich die körpermaschine warm und funktionstüchtig halte? dasselbe mit den füßen, die so leicht ohne genügend schutz zu eisblöcken erstarren können.
an zweiter stelle steht ein weiteres körperliches wohlbefinden, das die wärme im inneren des körpers erhalten soll. man greift zum traditionellen koffeinhaltigen heißgetränk; vielleicht auch mit einem extraschuss?
punkt nummer drei ist die psyche: wie macht man sich warme gedanken? ähnlich wie ich es in meiner impression "von der zwischenwelt" bereits geschildert habe, kann man z.b. zu festtagserinnerungen greifen und sein bewusstsein gegen argwohn und maulende kältemiesepeter abdichten. leider ist es häufig so, das man dem kapitalismus dann nicht ganz entkommt, sodass man letztendlich doch öfter zum geldbeutel greift um sich seine wärme teuer zu erkaufen. und oft führt dies zu einer gähnenden leere, die uns zusätzlich zum schockfrost, fast gänzlich zur eisskulptur erstarren lässt, wenn man einen blick auf den kontoauszug wirft. ganz ehrlich: wer tut das schon gern?
doch woher bekommen wir das glück der wärme, wenn uns das zahlungsmittel, welches wir wohl brauchen, nicht zur verfügung steht? was sollen wir machen, wenn wir in einen eiskalten bankrottzustand geraten? erfrieren vor finanznot, oder zur nächstbesten brennenden tonne laufen?
interessant beim täglichen weg zur uni, zur arbeit, oder einfach nur beim spaziergang, sind ja stets die sachen, die keinem auffallen. paradoxerweise fallen die unauffälligen sachen am meisten auf. wie die cent-stücke auf dem boden. in den letzten wochen erblickte ich jeden tag mindestens drei von ihnen. manche im wert von eins, manche im wert von zwei, andere im wert von fünf.
der glaube an den "glückspfennig", den schon unsere großeltern hegten, hat sich nun in der zeit des euros auch auf den cent übertragen. der cent, der den kleinsten wert beinhaltet, findet auf dem einen oder anderen weg in unseren geldbeutel. der glückscent, den wir finden, wiederum, hat eine spezielle funktion: er impliziert einen schutz vor der totalen armut. er steht für den größten reichtum, den man erlangen kann: das wissen darüber, dass man trotz materieller armut, der glückliche finder dieses cents ist.
die wertvollsten und wärmsten errungenschaften sind die, die man alleine und nur für sich entdeckt. sicherlich, von einem cent kann man sich nicht viel kaufen, keine wärmflasche, keine mütze, vielleicht ein stück faden. aber das ist auch garnicht nötig. der reichtum und das wissen darum, dass der glückscent für etwas steht, was man immernoch erlangen kann, soll uns ermutigen, nicht in der kälte stehenzubleiben, sondern auszuharren und bestrebt sein weiter auf die suche nach cents zu gehen, sie manchmal sogar liegen zu lassen.
die cents stehen für unsere liste, der zu wärmenden dinge. sie sind das taschentuch, das die triefende nase endlich erlöst, der handschuh, der schal und so manch wärmendes wort eines weiteren finders eines glückscents.

s.

vom pflaster



machen wir uns nichts vor: der winter ist ein jammer. anstatt glitzernden weißen landschaften, erfreut uns der januar mit unbarmherzigen regengüssen und tosendem sturm. fast könnte man annehmen, der ruf des jahres 2012 eilt sich selbst voraus? ist es zeit, der großen katastrophe ins auge zu blicken?
die großen katastrophen der welt liegen doch bereits in großen teilen durch verschiedene medien dokumentiert fast vor unserer nase: kämpfe in lybien, unruhen im irak, erdbeben in hawaii. sie sind bereits teil unseres alltags geworden, diese unglücke. die nachrichten sind voll von ihnen. aber was ist mit den kleinen katastrophen?
täglich hören wir sie, die blaulichtsirenen der krankenwagen, die zu verletzungen hineilen oder sich mit verletzungen beladen zum krankenhaus beeilen. in einem zeitalter, in dem wir dem schrecken tagtäglich begegnen und ihm stumpf hinterherschauen, was kann uns da noch tiefe stiche zufügen? hat uns mutter natur abgehärtet, oder die massenmedien? sicher, ein krankenwagen fährt an uns vorbei und unsere erste reaktion ist es, uns die ohren zuzuhalten, vor dem lästigen sirenenlärm. wollen wir die verletzungen der anderen nicht mehr hören und sehen, oder können wir es ganz einfach nicht mehr?
der welt-aids-tag ist ein tag im jahr, der an den meisten menschen spurlos vorübergeht. so manchen erinnert dieser tag an den angebrochenen dezember und man realisiert, das wieder fast ein jahr rum ist, aber das ist doch nicht sinn und zweck der kampagne. tatsache ist, das man sich vielem leid erst dann bewusst ist, wenn man es vollkommen oder fast am eigenen leib erfahren hat. was im krankenwagen vor sich geht, können wir nur erahnen. aber wie steht es mit den offenen verletzungen, die so viele von uns herumtragen? verletzungen, die geschickt kaschiert und verdeckt gehalten werden, um ja nicht die umstehenden mit der blutenden wunde zu belästigen. die wunden lecken, das muss jeder für sich selbst, doch hindert uns keiner daran, ein pflaster zu zücken und es demjenigen anzubieten. pflaster sind die kleinen helfer für kleine katastrophen, die jeder von uns im kopf oder in der tasche parat hat, um sie im richtigen moment auszupacken oder auszusprechen.
krankenwagensirenen berauben uns nicht unseres gehörs oder unserer unterhaltungen, die wir mit anderen in dem moment führen. sie beschenken uns mit einem bewusstsein. ein geschenk, aus dem wir uns wieder und wieder bewusst machen können, das wir stets in jedem moment vorbereitet sind, pflaster zu verteilen.

s.

von den gefährten


es war einmal an einem trüben verregneten morgen.
ich stand an der ampel neben einem kommilitonen. ich sah ihn bereits, als ich aus der bahn stieg und stellte mich an der ampel neben ihn. da er aber kopfhörer in seinen ohren stecken hatte, bemerkte er meine anwesenheit nicht. ich begrüßte ihn mit absicht nicht. es war eine art spiel. bemerkt er mich, oder nicht? es kam nicht zum bemerken. die ampel schaltete auf grün, und er schritt von dannen. also entschied ich mich die straßenseite zu wechseln um einen anderen weg einzuschlagen. wie seltsam.
kurz nach jahresbeginn, wo wir doch so offensichtlich die chance bekommen - wie eigentlich jeden tag - etwas zu entdecken, oder zu ändern, verwehren uns eben jene neu entdeckten dinge, wieder die entdeckung anderer. wir beginnen unseren tag stereotypisch, laufen dieselben wege, kaufen mal hier mal da unseren kaffee und bemerken nicht wer oder was da noch diesen weg mit uns entlang geht.
gerade nach neujahr, wo so viele von uns, alte wege verlassen und neue einschlagen, wo türen geschlossen und fenster geöffnet werden, ist es wichtig zu schauen, welche personen dieselbe richtung eingeschlagen haben.
gefährten braucht man im neuen jahr ebenso wie im alten. damit meine ich nicht nur personen, sondern auch orte, stimmungen, manieren, konventionen, aber auch traditionen. gefährten müssen unseren weg vielleicht nicht bis zum schluss begleiten. oft schlagen sie in der hälfte einen anderen weg ein, nur um sich dann am ziel gemeinsam wieder zu begegnen.
das ist die kunst, das wunder, die improvisation über ein festes thema: einen gemeinsamen weg auf verschiedenen pfaden zu finden.
wie mein kommilitone, den ich wenige minuten später in der uni antraf.

s.