vom pflaster



machen wir uns nichts vor: der winter ist ein jammer. anstatt glitzernden weißen landschaften, erfreut uns der januar mit unbarmherzigen regengüssen und tosendem sturm. fast könnte man annehmen, der ruf des jahres 2012 eilt sich selbst voraus? ist es zeit, der großen katastrophe ins auge zu blicken?
die großen katastrophen der welt liegen doch bereits in großen teilen durch verschiedene medien dokumentiert fast vor unserer nase: kämpfe in lybien, unruhen im irak, erdbeben in hawaii. sie sind bereits teil unseres alltags geworden, diese unglücke. die nachrichten sind voll von ihnen. aber was ist mit den kleinen katastrophen?
täglich hören wir sie, die blaulichtsirenen der krankenwagen, die zu verletzungen hineilen oder sich mit verletzungen beladen zum krankenhaus beeilen. in einem zeitalter, in dem wir dem schrecken tagtäglich begegnen und ihm stumpf hinterherschauen, was kann uns da noch tiefe stiche zufügen? hat uns mutter natur abgehärtet, oder die massenmedien? sicher, ein krankenwagen fährt an uns vorbei und unsere erste reaktion ist es, uns die ohren zuzuhalten, vor dem lästigen sirenenlärm. wollen wir die verletzungen der anderen nicht mehr hören und sehen, oder können wir es ganz einfach nicht mehr?
der welt-aids-tag ist ein tag im jahr, der an den meisten menschen spurlos vorübergeht. so manchen erinnert dieser tag an den angebrochenen dezember und man realisiert, das wieder fast ein jahr rum ist, aber das ist doch nicht sinn und zweck der kampagne. tatsache ist, das man sich vielem leid erst dann bewusst ist, wenn man es vollkommen oder fast am eigenen leib erfahren hat. was im krankenwagen vor sich geht, können wir nur erahnen. aber wie steht es mit den offenen verletzungen, die so viele von uns herumtragen? verletzungen, die geschickt kaschiert und verdeckt gehalten werden, um ja nicht die umstehenden mit der blutenden wunde zu belästigen. die wunden lecken, das muss jeder für sich selbst, doch hindert uns keiner daran, ein pflaster zu zücken und es demjenigen anzubieten. pflaster sind die kleinen helfer für kleine katastrophen, die jeder von uns im kopf oder in der tasche parat hat, um sie im richtigen moment auszupacken oder auszusprechen.
krankenwagensirenen berauben uns nicht unseres gehörs oder unserer unterhaltungen, die wir mit anderen in dem moment führen. sie beschenken uns mit einem bewusstsein. ein geschenk, aus dem wir uns wieder und wieder bewusst machen können, das wir stets in jedem moment vorbereitet sind, pflaster zu verteilen.

s.

von den gefährten


es war einmal an einem trüben verregneten morgen.
ich stand an der ampel neben einem kommilitonen. ich sah ihn bereits, als ich aus der bahn stieg und stellte mich an der ampel neben ihn. da er aber kopfhörer in seinen ohren stecken hatte, bemerkte er meine anwesenheit nicht. ich begrüßte ihn mit absicht nicht. es war eine art spiel. bemerkt er mich, oder nicht? es kam nicht zum bemerken. die ampel schaltete auf grün, und er schritt von dannen. also entschied ich mich die straßenseite zu wechseln um einen anderen weg einzuschlagen. wie seltsam.
kurz nach jahresbeginn, wo wir doch so offensichtlich die chance bekommen - wie eigentlich jeden tag - etwas zu entdecken, oder zu ändern, verwehren uns eben jene neu entdeckten dinge, wieder die entdeckung anderer. wir beginnen unseren tag stereotypisch, laufen dieselben wege, kaufen mal hier mal da unseren kaffee und bemerken nicht wer oder was da noch diesen weg mit uns entlang geht.
gerade nach neujahr, wo so viele von uns, alte wege verlassen und neue einschlagen, wo türen geschlossen und fenster geöffnet werden, ist es wichtig zu schauen, welche personen dieselbe richtung eingeschlagen haben.
gefährten braucht man im neuen jahr ebenso wie im alten. damit meine ich nicht nur personen, sondern auch orte, stimmungen, manieren, konventionen, aber auch traditionen. gefährten müssen unseren weg vielleicht nicht bis zum schluss begleiten. oft schlagen sie in der hälfte einen anderen weg ein, nur um sich dann am ziel gemeinsam wieder zu begegnen.
das ist die kunst, das wunder, die improvisation über ein festes thema: einen gemeinsamen weg auf verschiedenen pfaden zu finden.
wie mein kommilitone, den ich wenige minuten später in der uni antraf.

s.