von der dritten maske


ich brauche nicht zu erwähnen in welcher jahreszeit wir uns befinden. ausnahmsweise verweist diesmal nicht das wetter darauf, sondern endlich nur der mensch.
neben den vier jahreszeiten, die wir uns zur koordination und erklärung der naturkräfte herzitierten, erschufen wir in ferner vergangenheit noch eine jahreszeit zu unserem wohl: den karneval.
karneval wurde bereits in abgewandelter form in mesopotamien gefeiert, als damals vor langer zeit ein könig namens gudea herrschte, der mit einem siebentägigen fest der hochzeit eines gottes gedenken, sowie ein ausgelassenes gleichheitsrecht einführen wollte, das sich u.a. auch in unseren heutigen karneval eingeschlichen hat.
das besondere an karneval, neben den regional verschiedenen unzähligen bräuchen und riten, ist sowohl die wahl der verkleidung, alsauch der wechsel der jahreszeiten. die fünfte jahreszeit dient der maßlosen vergnügung und leitet uns in die sparsame und zwieträchtige fastenzeit ein. doch bevor sich so manch einer keusch und gesittet von fleisch und zuckergebäck distanziert, kommt man zunächst einmal in den genuss der verkleidung. auf unsere masken, die wir jeden tag tragen, wird eine neue, eine fremde gesetzt. sie führt beim gegenüber automatisch zu verwechslung, oder verwirrung, aber auch zu der frage: wer ist das?
genau diese frage schwebt über der fünften jahreszeit und verfolgt uns sogar in die fastenzeit, vielleicht sogar noch weiter. so gesehen, kann man den karneval auch als alternative zum jahreswechsel ansehen. warum?
nun, jeder alltagsmaske setzen wir zu karneval eine weitere maske auf, ein idealbild, das uns gefällt, das uns die möglichkeit gibt jemand anderes zu sein. doch ist das schon alles? ist es tatsächlich so simpel in die rolle einer anderen person zu schlüpfen?
es ist sogar unmöglich! doch das sollte nicht weiter ein problem sein. dafür passiert etwas viel wundervolleres:
in dem moment, in dem wir denken in unserem neuen kostüm voll und ganz aufzugehen, erschaffen wir die dritte maske. die dritte maske entsteht durch unser verhalten, welches sich aus unserer alltagsmaske und der zügellosen karnevalsmaske zusammensetzt. eine wundervolle mischung, die unsere wahrhaftige persönlichkeit ans tageslicht bringt.
keine zeit im jahr ist so fruchtbar, wie die karnevalszeit. sie zeigt uns in seltenen momenten rauchende micky mäuse, hip hop tanzende todesverkünder und grazile feen, die lauthals brüllend ihren robin hood zur schnecke machen. man denkt durch die verkleidung versteckt man sein wahres gesicht, dabei erscheint es durch die maske und die dadurch resultierende dritte maske, besonders klar.
ist das nicht großartig?
noch ist nicht fastnacht, also genießt es!

s.

vom winterwandeln


hier ein paar seiten die ich ganz und gar am winter mag: das kollektive verlangen sich in der warmen stube zusammenzufinden, das recht sich von der außenwelt abzuschotten und sich dem winterschlaf hinzugeben. aber das wundervollste neben schlittschuhlaufen, schneemänner bauen und den vielen anderen kinderfreuden, ist für mich das winterwandeln.
das winterwandeln ist ein zustand, der sich kurzzeitig während des winterschlafes einstellen kann. in dieser zeit bekommen wir den zustand des wachseins nicht mehr mit und bewegen uns in einer traumgefüllten realität. erst wenn sich unser bewusstsein diesem zustand hingibt, wachen wir auf, der zustand ist verflogen, der moment entschwunden. das winterwandeln ist der blauen stunde gleichzusetzen, ein zwielichtiger zustand, der alles zerstören, aber auch alles erschaffen kann. ein eingriff in unser tiefstes psychisches geheimnis. warum kommen wir nur in diesen tagen dazu?
im sommer ist unser befinden mehr darauf fixiert sich nach außen zu dehnen, herauszukommen. im winter beugt es sich nach innen und stellt uns vor die unausweichliche herausforderung mit uns selbst und unserem inneren. es ist ein großartiger kreislauf, der, wenn man ihn durch dieses muster betrachtet, zu einer wunderbaren harmonie führen kann.
so gesehen ist das winterwandeln eine der herausragendsten und spannendsten freuden des winters überhaupt, die im sommer von innen nach außen gekehrt wird und uns die möglichkeit gibt, unseren surrealen bildern eine gestalt in der realität zu verleihen.
die beste möglichkeit träume zu verwirklichen, ist ja bekanntlich aufzuwachen.

s.

vom cent

in diesen kalten januartagen ähnelt sich das verhalten der passanten auf den straßen mehr denn je. kaum stieß die kaltfront zu uns, überdeckte sie gleich unsere ersten hoffnungen eines frühen lenzes. trockenheit und eisiger wind legten sich über frohe frühlingsboten und reizen uns nun, den überlebenstrieb wieder mehr auf vordermann zu bringen.
die gesundheit steht auf der liste an erster stelle. wie ziehe ich mich an, damit ich mir am späten abend keine gedanken machen brauche, wie ich die körpermaschine warm und funktionstüchtig halte? dasselbe mit den füßen, die so leicht ohne genügend schutz zu eisblöcken erstarren können.
an zweiter stelle steht ein weiteres körperliches wohlbefinden, das die wärme im inneren des körpers erhalten soll. man greift zum traditionellen koffeinhaltigen heißgetränk; vielleicht auch mit einem extraschuss?
punkt nummer drei ist die psyche: wie macht man sich warme gedanken? ähnlich wie ich es in meiner impression "von der zwischenwelt" bereits geschildert habe, kann man z.b. zu festtagserinnerungen greifen und sein bewusstsein gegen argwohn und maulende kältemiesepeter abdichten. leider ist es häufig so, das man dem kapitalismus dann nicht ganz entkommt, sodass man letztendlich doch öfter zum geldbeutel greift um sich seine wärme teuer zu erkaufen. und oft führt dies zu einer gähnenden leere, die uns zusätzlich zum schockfrost, fast gänzlich zur eisskulptur erstarren lässt, wenn man einen blick auf den kontoauszug wirft. ganz ehrlich: wer tut das schon gern?
doch woher bekommen wir das glück der wärme, wenn uns das zahlungsmittel, welches wir wohl brauchen, nicht zur verfügung steht? was sollen wir machen, wenn wir in einen eiskalten bankrottzustand geraten? erfrieren vor finanznot, oder zur nächstbesten brennenden tonne laufen?
interessant beim täglichen weg zur uni, zur arbeit, oder einfach nur beim spaziergang, sind ja stets die sachen, die keinem auffallen. paradoxerweise fallen die unauffälligen sachen am meisten auf. wie die cent-stücke auf dem boden. in den letzten wochen erblickte ich jeden tag mindestens drei von ihnen. manche im wert von eins, manche im wert von zwei, andere im wert von fünf.
der glaube an den "glückspfennig", den schon unsere großeltern hegten, hat sich nun in der zeit des euros auch auf den cent übertragen. der cent, der den kleinsten wert beinhaltet, findet auf dem einen oder anderen weg in unseren geldbeutel. der glückscent, den wir finden, wiederum, hat eine spezielle funktion: er impliziert einen schutz vor der totalen armut. er steht für den größten reichtum, den man erlangen kann: das wissen darüber, dass man trotz materieller armut, der glückliche finder dieses cents ist.
die wertvollsten und wärmsten errungenschaften sind die, die man alleine und nur für sich entdeckt. sicherlich, von einem cent kann man sich nicht viel kaufen, keine wärmflasche, keine mütze, vielleicht ein stück faden. aber das ist auch garnicht nötig. der reichtum und das wissen darum, dass der glückscent für etwas steht, was man immernoch erlangen kann, soll uns ermutigen, nicht in der kälte stehenzubleiben, sondern auszuharren und bestrebt sein weiter auf die suche nach cents zu gehen, sie manchmal sogar liegen zu lassen.
die cents stehen für unsere liste, der zu wärmenden dinge. sie sind das taschentuch, das die triefende nase endlich erlöst, der handschuh, der schal und so manch wärmendes wort eines weiteren finders eines glückscents.

s.